Kugelburg versus Waldenburg – ein Historikerstreit ohne Ende

Die Kugelburg selbst in den Quellen zu fassen erweist sich als schwierig, denn namhaft wird sie selbst in keinem Fall genannt.[1] Eine mögliche Nennung der Kugelburg in den schriftlichen Quellen soll hier dennoch Erwähnung finden: Als Erzbischof Konrad im Jahr 1183 sein zweites Episkopat antrat, fand er, wie bereits weiter oben beschrieben, weite Teile seines Erzbistums in desaströsem Zustand vor.[2] In einer Aufstellung aus dem Jahr 1189/90 heißt es: „Bedrängt wurde (…) [die Mainzer Kirche] auch durch neue Befestigungen wie Weisenau, das von dem damaligen Kämmerer Tuto erbaut und dem königlichen Befehl unterstellt worden war; in ähnlicher Weise fanden wir auch eine Befestigung vor den Toren Aschaffenburgs vor, die von dem damaligen Viztum Konrad errichtet worden war.“[3] Diese zweite Burg, die nicht näher beschrieben wird, wurde also während der Amtszeit Christian von Buchs, irgendwann in den Jahren zwischen 1165 und 1183, errichtet.[4]

In der Forschung wurde noch kein Konsens gefunden, welcher Burganlage die Quelle zugeordnet werden kann. Zwei Burgställe haben sich allerdings herauskristallisiert: Die Burg Waldenberg und die Kugelburg. Trotz der Entfernung zu Aschaffenburg, denn Historiker verorten die Waldenburg bei Kleinwallstadt, gibt es Stimmen, die die Waldenburg gerne auf dem Kugelberg verortet sähen.[5] Vor allem da der in der Quelle genannte Vizedom Konrad, der als Vater des Konrad von Waldenberg identifiziert wurde, als Erbauer der Burg gilt. Gerechtfertigt erscheint diese These für ihre Befürworter, da sich der Sohn Konrad nach der von seinem Vater Konrad einst erbauten Anlage benannt haben könnte.[6] Hartmann jedoch legt dar, dass es sich bei der Burg Waldenberg von Anfang an um einen mainzischen, nicht um einen staufischen Standort gehandelt haben muss. So sprechen einige Gründe dafür, dass es sich bei der erwähnten Bedrohung jedoch um die Kugelburg handelt: Zum einen stellt Hartmann eine genealogische Verbindung zwischen den Waldenbergern und den Kugelbergern her, so dass der Bezug von Vizedom Konrad zu der Kugelburg entsteht.[7] Auch ist auffällig, dass in der vermutlichen Erbauungszeit staufernahe Adlige in Aschaffenburg, Schweinheim und Sailauf, also um den Kugelberg herum, an mainzischen Besitz gelangten.[8]

Eines der auffälligsten Merkmale ist die Lage des Burgstalls. Nur ca. drei Kilometer von Aschaffenburg entfernt, stand sie auf einem in das untere Aschafftal hineinragenden Bergkegel und war von den Aschaffenburgern durchaus gut zu sehen. Eine wichtige, mittelalterliche Fernstraße verlief in unmittelbarer Nähe. Diese Burg, direkt dem Kaiser unterstellt und auch wenn sie in ihrer Ausdehnung nur relativ bescheiden war, musste dem Mainzer Erzbischof als direkte Bedrohung erscheinen. So sprechen einige Argumente durchaus dafür, dass wir es bei der „Bedrohung vor den Toren Aschaffenburgs“ mit der Kugelburg zu tun haben. Ein eindeutiger Beweis liegt jedoch nicht dafür vor, und so bleibt diese These doch spekulativ.

Die leider bislang noch nicht publizierten Überlegungen des Theodor Ruf, Kreisheimatpfleger des Altkreises Lohr am Main (MSP) und die archäologischen Befunde geben zwischenzeitlich einer ganz anderen Deutung der Entstehung und Wirkmächtigkeit der Burg Raum.

Die Kugelburg in den letzten Zügen

Siegel des Konrad von Kugelnberg, 1229, Staatsarchiv Würzburg, KlosterSchmerlenbach, Urkunde 5. Aus: Angelika Röhrs-Müller, Markt Goldbach, Goldbach 1998, S. 27.

Siegel des Konrad von Kugelnberg aus dem Jahre 1229

Das Ende der Burg ist archivalisch deutlich besser auszumachen.[9] Festzuhalten ist, dass der letzte Angehörige der Familie der Kugelberger, der sich auch nach der Anlage benennt, nach 1254 stirbt. Danach tritt der Name nicht mehr in Erscheinung. Was für ein Schicksal war der Burg anschließend beschieden? Wir wissen es nicht, zumindest nicht anhand schriftlicher Quellen. Auffällig ist jedoch, dass diese letzte Nennung in den Zeitraum fällt, in dem sich der Konflikt zwischen den Rieneckern und den Mainzer Bischöfen zuspitzt. Das in dieser Situation eine Burg mit der exponierten Lage der Kugelburg einfach so ihrem Schicksal überlassen worden ist, kann wohl als unwahrscheinlich gelten. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass die nun herrenlose Burg ein gewaltsames Schicksal durch eine der beiden konkurrierenden Parteien ereilt hat.[10]

Die Schürfungen von 1932

Auf der Kugelburg fanden in den 1930er Jahren weitgreifende Eingriffe in den Boden statt. Wie aus den Ortsakten des Bayrischen Landesamtes für Denkmalpflege ersichtlich, wurden mit Genehmigung der Gemeinde Goldbach, zuerst allerdings ohne Wissen des Denkmalamtes, unter Leitung von Joseph Lippert, einem damals 27jährigen, arbeitslosen Metallschleifer und Lorenz Brehm, großflächige Schürfungen getätigt.[11] Das Denkmalamt erfuhr von den Arbeiten erst durch einen Zeitungsartikel im „Beobachter“ vom 13.08.1932.[12] Der Zeitungsartikel hat folgenden Wortlaut:

Erfolgreiche Grabungen am Kugelberg – Die Nordwand der alten Burg auf 30 Meter freigelegt.

Goldbach-Hösbach, 13. Aug.

Gleich in nächster Nähe der Bahnstation Goldbach erhebt sich der Kugelberg. Der Name weist uns um 700 Jahre zurück, in die Zeit der Kreuzzüge. Damals, etwa 1221 (Dr. Kittel: ‚Die letzten der von Kugelnberg‘), lebten in unserer Gegend Edle von Kugelnberg, deren Stammschloss sich auf der Höhe des genannten Berges befand. Seit Jahren beschäftigt sich nun ein junger Mann aus Goldbach in Gedanken mit dem Kugelberg und manche Stunde der Besinnung brachte er in freien Stunden auf dem Berge zu, beobachtend, prüfend, bis in ihm immer mehr der Entschluss reifte, der ehemaligen Burg tiefer nachzugehen. Die Nöte der Zeit brachten auch hier den gefassten Plan zur Ausführung. Herr Josef Lippert, 27 Jahre alt, wohnhaft in Goldbach, Schulstraße 52 ¾ , ist von Beruf gelernter Metallschleifer; seit 1928 war er im Versicherungswesen tätig; bis er auch dort arbeitslos wurde. Jetzt reifte in ihm der Entschluss, seinen Lieblingsgedanken zur Ausführung zu bringen. Nachdem er die Erlaubnis zum Graben von der Gemeinde Goldbach als der gegenwärtige Eigentümer des Kugelberges eingeholt hatte, begann er vor vier Wochen in aller Stille die Grabung. Sein Versuch, in erster Linie die Nordwand der Burg festzustellen, war bald von Erfolg gekrönt; er stieß bereits am ersten Tag auf festes Mauerwerk.

Damit war natürlich ein starker Anreiz zur Weiterarbeit gegeben. In mühseliger Kleinarbeit ist jetzt die ganze Nordwand in 30 Meter Länge und 2 Meter Dicke freigelegt. Der Mörtel ist gut erhalten und weist eine große Bindefähigkeit auf. Gewaltiges Grundmauerwerk auf der Nordwestseite lässt die Vermutung zu. Dass sich dort ein Turm befunden haben muss, was ja auch wegen der Aussicht gegen die Fasanerie, Aschaffenburg usw. sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es wäre zu wünschen, dass der Eifer und zähe Wille des Herrn Lippert noch recht viel Interessantes zutage fördert, zu Nutz und Segen der Heimatgeschichte.

Die Ausgrabungen begegnen in den beiden Dörfern Goldbach und Hösbach großer Aufmerksamkeit. Es wäre zu wünschen, dass recht viele in der nächsten Zeit dem Kugelberg einen Besuch abstatten: wer die selbstlose Arbeit belohnen will, darf dem in ‚freiwilligem Arbeitsdienst‘ wirkenden jungen Mann auch ein Scherflein spenden.

Erklärungen an Ort und Stelle werden bereitwilligst von ihm selbst gegeben. In früheren Jahren stand auf der höchsten Stelle des Kugelberges ein Aussichtsturm, der 1906/07 abgebrochen wurde; der damalige Gutspächter Matti hatte sicher kein Interesse daran, fremde Leute auf seinem Eigentum dulden zu müssen. Heute aber, wo die Gemeinde Goldbach Eigentümerin des Berges ist, wäre es sicher eine ausgezeichnete Fremdenwerbung, nach Vollendung der Grabarbeiten wieder einen Aussichtsturm erstehen zu lassen. Die herrliche Aussicht, gegenwärtig nur durch den hohen Baumbestand gemindert, drängt förmlich dazu. Wie wäre es, wenn sich die örtlichen Wander- und Heimatvereine zu einer solchen Tat aufschwingen würden?!

Bericht über die Grabung auf dem Kugelberg bei Goldbach im "Beobachter" vom 13.08.1932. Quelle: Geschichts- und Heimatverein Goldbach e.V.

Bericht über die Grabung auf dem Kugelberg bei Goldbach im „Beobachter“ vom 13.08.1932

Bis zum Erscheinen des Zeitungsberichtes hatten die Ausgräber schon ganze Arbeit geleistet: So war die gesamte Nordseite der Umfassungsmauer in einer Länge von 30 m und 2 m Breite freigelegt worden. Auf der nordwestlichen Seite war die Grabung auch schon in das Innere des Burgareals vorgedrungen und hatte einen Teil einer weiteren massiven Mauer freigelegt, die als Fundament eines Turmes (?) gedeutet wurde. Dem Denkmalamt gelang mit Hilfe des Bezirksamtes Aschaffenburg die Einstellung der Grabung.[13] Allerdings wurde die Grabungsstelle wenige Tage danach auf Bitten von Guido Hartmann und Besichtigung durch Georg Hock unter Auflagen wieder freigegeben.[14] Da die Mauerzüge tief angeschnitten worden waren und die Mauern sich insgesamt wohl in einem relativ schlechten Allgemeinzustand befanden, wurde angeordnet, die Mauern zu sichern und die Schnitte nach den Arbeiten und der Vermessung wieder zu verfüllen.[15] Ob diese Auflagen eingehalten wurden, ob Funde getätigt worden sind oder ob ein Grabungsplan angefertigt wurde, darüber gibt es leider keine weiteren Angaben. Die Akte schließt mit einer Nachfrage des Landesamtes für Denkmalpflege in München an Georg Hock über den weiteren Verlauf der Maßnahme.[16] Hock antwortet daraufhin, dass er auf seine Nachfragen keine Informationen mehr erhalten hat. „Von privater Seite“ hätte er allerdings erfahren, dass die Grabungen wohl nicht weiter fortgesetzt worden seien.[17]

Über nähere Umstände der Grabungen von 1932 und deren Ergebnisse war auch im Vorfeld der Maßnahme im Jahre 2018 nichts mehr herauszufinden.[18] Die Verantwortlichen sind verstorben und haben keinerlei Hinweise hinterlassen. Allerdings waren bis Grabungsbeginn Reste der damals freigelegten Ringmauer obertägig zu sehen und der Witterung schutzlos ausgesetzt.

Die Vermutung, dass auf dem Kugelberg ein Gutteil des wiederverwendbaren Steinmaterials zur Zweitnutzung abgefahren wurde, konnte archäologisch nicht bestätigt werden.

Nachweislich wurden die in der Nähe liegenden Gartenhöfe aus dem Material errichtet. Möglicherweise wurde das Gros der Werksteine bereits bald nach Aufgabe der Burg in den 1220/30er Jahren abgefahren.

 

Anmerkungen:

[1] Umfassend dazu Christine Engler, Keine Burg weit und breit? Die Burgenlandschaft des westlichen Spessart vom 12. bis 14. Jahrhundert. Masch. Magisterarbeit, Bamberg 2009., S. 71-77

[2] Wolfgang Hartmann, Zur Geschichte der Spessartburgen Waldenberg und Kugelberg und ihrer Herren, in: Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes 19 (1997), S. 9–53., S. 3

[3] Lorenz Kemethmüller, Burgen als Manifestation der Herrschaftsansprüche im Rahmen des hochmittelalterlichen Territorienaufbaus im Spessart. Archivbestände, archäologische Befunde und historische Interpretationen. (masch. Zulassungsarbeit), Würzburg 2007., S. 30

[4] Hartmann (wie Anm. 2)., S. 3

[5] Hartmann (wie Anm. 2)., S. 3, aufbauend auf Ignatz M. Wohlfahrt, Goldbach. Geschichte des Dorfes und seiner Kirche aus ältester Zeit bis zur Gegenwart, Goldbach 1950., S. 220-223

[6] Kemethmüller (wie Anm. 3)., S. 31

[7] Wolfgang Hartmann, Waldenberg, versunkene Burg bei Kleinwallstadt. Hier bot ein Erzbischof aus dem Haus Wittelsbach dem Kaiser Barbarossa die Stirn, in: Spessart 10 (2000), S. 9–15., S. 3-4

[8] Hartmann (wie Anm. 7)., S. 5

[9] Wohlfahrt (wie Anm. 5)., S. 223-227

[10] Hartmann (wie Anm. 2)., S. 15

[11] BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18

[12] Der Beobachter vom 13. August 1932 und im Nachgang dessen ein Schreiben des Hauptkonservators Hock an das Bezirksamt vom 19.8.1932 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18)

[13] Schreiben des Bezirksamtes Aschaffenburg an den Hauptkonservators Hock vom 23.8.1932 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18)

[14] Schreiben von Guido Hartmann an den Hauptkonservator Hock vom 30.8.1932 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18)

[15] Schreiben des Bezirksamtes Aschaffenburg an die Gemeinde Goldbach vom 16.9.1932 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18)

[16] Schreiben des Landesdenkmalamts München an den Hauptkonservator Hock vom 12.7.1933 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18)

[17] Schreiben des Hauptkonservators Hock an das Landesdenkmalamts München vom 17.7.1933 (BLfD, Ortsakte Goldbach Nr. 6021-18

[18] Nach freundlicher Mitteilung von Heribert Wilz, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Goldbach e.V.

 

Weiterführende Literatur:

Christine Engler, Keine Burg weit und breit? Die Burgenlandschaft des westlichen Spessart vom 12. bis 14. Jahrhundert. Masch. Magisterarbeit, Bamberg 2009;
Wolfgang Hartmann, Zur Geschichte der Spessartburgen Waldenberg und Kugelberg und ihrer Herren, in: Aschaffenburger Jahrbuch für Geschichte, Landeskunde und Kunst des Untermaingebietes 19 (1997), S. 9–53;
Wolfgang Hartmann, Waldenberg, versunkene Burg bei Kleinwallstadt. Hier bot ein Erzbischof aus dem Haus Wittelsbach dem Kaiser Barbarossa die Stirn, in: Spessart 10 (2000), S. 9–15;
Lorenz Kemethmüller, Burgen als Manifestation der Herrschaftsansprüche im Rahmen des hochmittelalterlichen Territorienaufbaus im Spessart. Archivbestände, archäologische Befunde und historische Interpretationen. (masch. Zulassungsarbeit), Würzburg 2007;
Ignatz M. Wohlfahrt, Goldbach. Geschichte des Dorfes und seiner Kirche aus ältester Zeit bis zur Gegenwart, Goldbach 1950.


© Christine Reichert, Mainaschaff und Harald Rosmanitz, Partenstein, 2019