Vom Hügel zum Monument*
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von Harald Rosmanitz

Eine erste Bauzeichnung verdeutlicht, dass das heute sichtbare Mauerwerk des Wohnturms über den Originalfundamenten liegt. Zeichnung: Emil Walter, HaibachWir leben in Zeiten der Mittelalterbegeisterung. Damit wächst die Zahl der erschlossenen Burganlagen erwartungsgemäß. Ganze Regionen finden unter dem Gütesiegel „Burgenland XYZ“ zu touristischen Vermarktungsstrategien. Allerdings ist dies keine einheitliche Entwicklung, die der Wissenschaft eine Flut neuer Informationen zukommen lässt. Die Bandbreite an Aktivitäten reicht vielmehr von einem verstärkten Engagement für die historische Entwicklung einer Burg über die Abhaltung obligatorischer Burgfestspiele bis zu einer gnadenlosen, ganzjährigen Kommerzialisierung als Austragungsort überregional beworbener Spektakel. Daneben entstehen auch ganz neue Burgen. Es handelt sich um mehr oder weniger authentische Nachbauten, die ihrerseits all zu oft als eierlegende Wollmilchschweine die maroden Kassen so mancher Gemeinde sanieren sollen. All diese Trends prägen unser Bild von einer Epoche oft mehr, als uns allen bewusst ist.

Die Ausgangssituation ist immer dieselbe: Mittelalterliche Lebenswelten können nicht reanimiert werden, so sehr wir uns auch seit den Meistersingern von Richard Wagner und den Romanen von Sir Walter Scott darum bemühen. Selbst unter optimalen Erhaltungsbedingungen wird nur ein kleiner Bruchteil der materiellen Kultur archäologisch fassbar. Sobald ein Nachbau erwogen wird, ist man darüber hinaus als Betreiber zu massiven Konzessionen an die heutigen Bau- und Hygienevorschriften gezwungen. Und selbst nachdem man all diese Hürden genommen hat, wäre das ganze Ensemble für die meisten immer noch nicht imposant genug, erfüllte eine Anlage wie die Ketzelburg doch kaum unsere verklärten Vorstellungen von Rittersälen, Zugbrücken und Burgfräuleins.

Bald schon wich die anfängliche Euphorie der Kosten-Nutzen-Rechnung. Der komplette Wiederaufbau nach den aktuellen Forschungsergebnissen ist in Haibach auch aus anderen Gründen nicht praktikabel: Zum einen führt das Wiedererstehen einer solchen Anlage zumindest im Falle der Ketzelburg zur fast vollständigen Zerstörung der verbliebenen archäologischen Substanz. Zum anderen wäre das meiste, das wir dann auf dem Burghügel antreffen würden, reine Fiktion, da die bei den Grabungen erschlossenen Erhaltungsbedingungen eben alles andere als optimal waren. Als einer der vielen weiteren Gründe, die gegen einen Nachbau sprachen, wäre noch aufzuführen, dass man dann die umgebende Bewaldung bis auf wenige Reste komplett entfernen müsste, um der Burg ihren ursprünglich Charakter zu geben.

Die der Rekonstruktion der Wohnturmfundamente vorgelagerten Überreste des Palas bestimmen seit Frühjahr 2015 das Gesamtbild des Burgstalls in Haibach.Die Überlegungen zu Art und Weise des Umgangs mit der aufgedeckten archäologischen Substanz auf der Ketzelburg waren geprägt von der Angst vor dem Verlust des Originals. Das Wenige, was sich auf dem Burghügel noch erhalten hat, nimmt im orts- und regionalgeschichtlichen Umfeld einen extrem hohen Status ein. Die originalgetreue Kopie scheint gegenüber dem Original offenbar an Wert zu verlieren. Andererseits lässt sich bei einer Verwendung identischer Materialien und Herstellungstechniken nach wenigen Jahren die Kopie nicht mehr vom Original unterscheiden.

Diesem Bedürfnis, die Originalbefunde auch lange nach Abschluss der Untersuchungen noch präsent zu halten, kann unter anderem durch die dauerhafte Sichtbarmachung der Fundamente Rechnung getragen werden. Zwar bedarf es auch weiterhin großer Fantasie, um sich mit Hilfe der verfügbaren Rekonstruktionszeichnungen vor Ort ein Bild über das ursprüngliche Aussehen der Anlage zu machen. Andererseits geben die Fundamente uns den notwendigen Größenvergleich mit auf den Weg. Weit mehr als die mächtigen Gräben und Wälle signalisieren die Mauern dem Wanderer schon von Weiten: Hier handelt es sich um einen ganz besonderen Platz mit historischer Dimension. Das Interesse, näher hinzuschauen, ist geweckt.

 Für das Burgfest im Sommer 2006 wurde der Wohnturm vom Heimat- und Geschichtsverein zur Verdeutlichung der ehemaligen Dimensionen des Baukörpers und zur Schaffung eines kleinen Ausstellungsraums bis in eine Höhe von zwei Geschossen „wiedererrichtet“. Planzeichnung: Emil Walter, HaibachDieser Herangehensweise bei der Vermittlung stehen viele Forscher sehr skeptisch gegenüber, teilweise auch mit Recht. Es werden Fakten als gegeben vorgestellt, die zwar zu einem Gutteil archäologisch gesichert sind, aber eben nicht vollständig mit diesem übereinstimmen müssen. So war die ursprüngliche Höhe des Wohnturmfundaments schlichtweg nicht zu ermitteln. Die Höhe der Rekonstruktion orientiert sich in erster Line an der Sichtbarkeit im Gelände. Es stellte sich auch die Frage der Machbarkeit. So waren die Turmfundamente nachweislich innen und außen verputz und weiß getüncht. Wir verzichteten bewusst auf dieses Detail, mussten wir doch davon ausgehen, dass ein solcher Verputz schon nach wenigen Monaten, spätestens jedoch nach dem ersten Winter erhebliche Schäden aufweisen würde.

Trotzdem entschieden wir uns mit Rücksicht auf den Schutz der historischen Substanz dafür, das bei den Ausgrabungen zutage getretene Mauerwerk als markantes Geländedenkmal nach seiner Freilegung für künftige Besucher in einer Form sichtbar zu belassen, die möglichst viel Interpretationsspielraum zulässt. Hierzu errichtete man nach sorgfältiger Verfüllung der Schnitte IV – VIII über dem vor Grabungsbeginn angetroffenen Bodenniveau ein 0,6 m hohes Steinfundament, welches in seinen Abmessungen den nun wieder im Boden liegenden Mauerresten entspricht.

Noch während der laufenden Ausgrabung im Sommer 2005 begann man in Absprache mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege mit der Sanierung der linken Torwange. In diesem Bereich erwies sich das bei den Wohnturmfundamenten praktizierte Verfahren einer Aufhöhung über den freigelegten Fundamenten aufgrund der direkten Anbindung an die Hangkante als nicht durchführbar. Man entschloss sich daher, nach gründlicher, steingerechter Dokumentation, das bestehende Mauerwerk zu festigen und dieses mit mehreren darüber aufgeführten Steinlagen zusätzlich zu sichern.

Zwar stand uns bei der Bewältigung dieser Aufgabe nicht das zur ursprünglichen Entstehungszeit der Gebäude übliche Werkzeug zur Verfügung. Allerdings konnten wir in der Kombination historisch überlieferter Handwerkstechniken und dem Einsatz moderner Geräte ein Ergebnis erzielen, das einerseits dem Bedürfnis nach Haltbarkeit und andererseits nach Authentizität entspricht.

Durch die Baumaßnahmen hat die Ketzelburg, auch nach Wiederverfüllen der Grabungsschnitte, ein neues Gesicht erhalten. Aus einem scheinbar naturbelassenen Wanderziel ist ein sichtbares Monument der Ortsgeschichte geworden. Im Jahr 2006 wurde das neue „Image“ der Ketzelburg noch weiter gefestigt: Der Besucher kann sich nun anhand mehrerer, wetterfester Tafeln vor Ort umfassend über die Bedeutung des Bodendenkmals informieren.


Vor dem Aufführen des Mauerwerks wurde über den mittelalterlichen Fundamenten mit Steinen und Schotter eine Ausgleichsschicht aufplaniert.
Die nun sichtbaren Fundamente des Wohnturms ruhen auf einem massiven Betonfundament.
Das zweischalige Mauerwerk wurde in traditioneller Art und Weise hochgezogen.
Eine große Anzahl von Steinen war nötig, um daraus jeweils die passenden Mauersteine auszuwählen.
Die verworfene Sandsteinplatte, die in der Verfüllung der Torrampe lag, wurde als Türschwelle in die Rekonstruktion eingebaut.
Die endgültige Höhe der Mauer ist erreicht.
Die Mauersteine wurden an der Oberseite der Mauer sorgfältig verfugt, um ein Eindringen von Wasser zu verhindern.
Allmählich gewinnt man eine Vorstellung von den ursprünglichen Dimensionen des Wohnturms.
Eine solche Maurerarbeit ist nicht möglich ohne langjährige Kenntnisse und Teamwork.
Schicht für Schicht schreitet das Werk voran. Dabei wird stets darauf geachtet, dass der Mauer genügend Zeit zum Austrocknen bleibt.
Die „Grundsteinlegung“
Die letze Mauer des Gevierts kurz vor ihrer Ferigstellung
Bei der Rekonstruktion wurde auch die Teilung des Innenraums in zwei etwa gleich große Hälften berücksichtigt.
Für das erste Ketzelburgfest im Jahre 2006 wurde der Baukörper des Wohnturms mit Brettern angedeutet.
Auch anlässlich des zweiten Ketzelburgfestes im Jahre 2014 deutete man die ehemalige, obertägige Bebauung an.

* Überarbeitete Fassung eines Artikels, veröffentlicht in Harald Rosmanitz, Die Ketzelburg in Haibach. Eine archäologisch-historische Spurensuche (Neustadt a. d. Aisch 2006), S. 129-136