Reliefierte Ofenkacheln sind auf einer Spessartburg, deren Blütezeit in das letzte Drittel des 14. Jahrhunderts fällt, nicht ungewöhnlich. Sowohl innerhalb der Burgmauer, im Zwinger und auch im südwestlich vorgelagerten Fachwerkhaus wurden bei den Grabungen 2017 auf der Burg Hauenstein Fragmente von grün oder gelb glasierten, reliefierten Halbzylinderkacheln gefunden. Sie stammen aus dem bei Frankfurt am Main liegenden Töpferzentrum Dieburg. Dort fertigte man auch zahlreiche in der Burg ergrabene Koch-, Schank- und Trinkgefäße.

Bei den Motiven überrascht die Übereinstmmung der Kachelreliefs mit den ebenfalls in Dieburg entstanden Ofenkeramiken von der im Jahre 1399 zerstörten Burg Tannenberg an der Bergstaße.

 

Der Gebrauch des Feuers zum Kochen und zum Heizen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Er war bestrebt, durch technische Innovationen die von der Natur zur Verfügung gestellte Energie möglichst effizient zu nutzen. Dies lässt sich an der Entwicklung der Raumheizung ablesen. Erste Kachelöfen sind bereits für das 11. Jahrhundert archäologisch nachgewiesen.[1] Die von einem Lehmmantel umschlossene Feuerstelle ermöglichte sowohl die Befeuerung als auch die Entsorgung der Abwärme von einem gesonderten Raum aus. Durch das anfänglich vereinzelte und später flächendeckende Einfügen von Keramik in die Ofenwandung konnte die Ofenoberfläche vergrößert werden. Mit Hilfe der erweiterten Abstrahlungsfläche des Heizkörpers ließ sich bei gleichbleibender Energieabgabe das immer knapper werdende Brennholz in nicht unerheblicher Menge einsparen. Gleichzeitig speicherte die Keramik die Strahlungswärme des Holzfeuers und gab diese noch lange nach dessen Verlöschen in den Wohnraum ab.

Einfache Raumheizungen des letzten Drittels des 14. Jahrhunderts auf der Burg Hauenstein setzten sich aus unglasierten Napfkacheln zusammen. In der Periode 3 wird mit der Aufwertung des Hausrates auch der gotische Ofen in die allgemein wachsende Schmuckfreude einbezogen. Als idealer Bildträger entstanden in der Mitte des 14. Jahr­hunderts die Nischenkacheln. Sie bestehen aus einem auf der Töpferscheibe geformten Halbzylinder. An seiner Vorderseite ist ein modelgepresstes Vorsatzblatt angarniert.[2] Die Unterbauten solcher Öfen bestanden aus scheibengedrehten Becherkacheln mit glatt abgestrichenem Boden.

Reliefierte Nischenkacheln vom Typ Tannenberg sind aufgrund der Nähe zum Fertigungsort Dieburg im Spessart weit verbreitet. Sie fanden sich im Fundgut des Klosterbergs bei Hösbach-Rottenberg[3] ebenso wie auf der Mole in Heimbuchenthal[4], auf der Burg Wildenstein[5] sowie auf der Burg Bartenstein bei Partenstein[6]. Bezogen auf die Burg Hauenstein ist eine Konzentration in den Aufschüttungs- und Laufhorizonten des Burginneren, des Zwingers sowie im Brandschutt des westlich vorgelagerten Hauses festzustellen. Die Kacheln in den beiden erstgenannten Bereichen weisen keine Schadensbilder auf, die auf Brandzerstörungen zurückzuführen sind. Bei einem Gutteil der aus dem Fachwerkhaus westlich der Burg geborgenen Fragmente ist die Glasur blasig aufgeworfen. Dies weist auf hohe Temperaturen bei einem Sekundärbrand hin. Damit lassen sich zwei Deponierungsarten unterscheiden: die nach 1370 gesetzten Öfen in der Burg und im Zwinger als Abfallmaterial dürften anlässlich der Wartung in den Boden gekommen sein. Bei den Kachelfragmenten aus dem Brandschutt des westlich vorgelagerten Hauses ist der Befundkontext deutlich komplexer. Mangels Ofenlehm, vor allem aber aufgrund des völligen Fehlens von Becherkacheln, mit denen der Feuerkasten ursprünglich besetzt gewesen sein dürfte, kann ausgeschlossen werden, dass wir es hier mit den Überresten eines repräsentativen Oberofens zu tun haben, der bis zum Schadensfeuer in besagtem Fachwerkgebäude gestanden haben könnte. Vielmehr dürfte es sich um die wiederzuverwertenden Reste eines ursprünglich in der Burg selbst stehenden, und im Jahre 1405 abgebauten Ofens handeln. Für den Transport wurden die voll funktionsfähigen und hochpreisigen Kacheln in Kisten oder Fässer verpackt und in dem Haus westlich der Burg lediglich zwischengelagert. Diese Form der Deponierung mit bewusster Option zur Wiederverwendung konnte archäologisch bislang nur in sehr seltenen Fällen nachgewiesen werden. Zu verweisen ist hierbei auf das Ofenkacheldepot vom Churer Martinsplatz.[7]

In den Niederlanden, im Großraum Köln, entlang des Rheins und der Unterläufe von Main und Neckar stellen Nischenkacheln vom Typ Tannenberg ein herausragendes Element im Spektrum der dort anzutreffenden, spätmittelalterlichen keramischen Inventare dar.[8] Ihre Bedeutung liegt weniger in ihrer Rolle als vermeintliche Leitform zur Datierung oder als Sozialindikator. Mit dieser Kachelart wurde in den genannten Regionen vielmehr der Schritt von den bis dahin größtenteils aus scheibengedrehten Becher- und Spitzkacheln bestehenden Kachelöfen zu hochwertigen, zumindest in Teilen reliefverzierten Raumheizungen in repräsentativen Räumlichkeiten vollständig und konsequent vollzogen. In den archäologisch teiluntersuchten Produktionszentren von Nischenkacheln des Typs Tannenberg in Brühl, Dieburg, Köln und Mayen führten gleich mehrere Faktoren zur Serienfertigung der Ofenkeramiken. Im Falle von Dieburg, von wo auch der Burgherr auf der Burg Hauenstein seine Ofenkeramiken bezog, wuchs sich die Kachelproduktion für die ortsansässigen Töpfereien für die Dauer einer Generation zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Standbein aus. Der Transport vom Produzenten zum Endverbraucher erfolgte über die Flusssysteme Rhein und Main. Charakterisiert wird der nach der Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim benannte Kacheltypus durch den hell brennenden Ton, durch das reliefierte Vorsatzblatt mit genastem Dreiecksgiebel sowie durch die holzschnittartigen, stark stilisierten Dekore in den beiden daran anschließenden, oberen Zwickeln. Ein aus solchen Kacheln aufgeführter Ofen konnte noch weitere reliefierte Keramiken aufweisen, beispielsweise Kranzkacheln, die in der Burg Hauenstein primär als Nischenkacheln mit integriertem Zinnenkranz ausgebildet waren. Hinsichtlich der verwendeten Motive weisen die Kachelreliefs von der Burg Hauenstein deutliche Bezüge zum Formenspektrum der Dieburger Töpfereien auf.[9] Auffallend ist darüber hinaus, dass auf der Burg Hauenstein annährend dieselbe Formensprache zur Anwendung kam, wie auf der Burg Tannenberg. Die Nischenkacheln der Burg Hauenstein lassen sich der zweiten Dieburger Kachelphase zuweisen. Markstein für die Datierung der Dieburger Kachelerzeugnisse der zweiten Produktionsphase ist die Eroberung und Zerstörung der Burg Tannenberg im Jahre 1399.[10] Durch weitere Fundkomplexe im Rhein-Main-Raum kann die Nutzungszeit dieses Kacheltyps zwischen 1380 und 1420 eingegrenzt werden. Die Zerstörung von 1405 gibt für das Material von der Burg Hauenstein eine noch kürzere Laufzeit vor.

 

Anmerkungen:

[1] Eva Roth Heege, Kacheltyp, Kachelfunktion und Ofenform, in: Eva Roth Heege (Hg.), Ofenkeramik und Kachelofen. Typologie, Terminologie und Rekonstruktion im deutschsprachigen Raum (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters Bd. 39), Basel 2012, S. 206–210.

[2] Harald Rosmanitz, Die Ofenkacheln vom Typ Tannenberg. Eine spätgotische Massenproduktion im Spannungsfeld von Produzent und Konsument, in: Stefan Hesse, Tobias Gärtner, Sonja König (Hg.), Von der Weser in die Welt. Festschrift für Hans-Georg Stephan zum 65. Geburtstag (Alteuropäische Forschungen NF 7), Langenweißbach 2015, S. 355–373.

[3] Harald Rosmanitz, Hösbach-Rottenberg, Lkr. Aschaffenburg, Klosterberg. Maßnahmen-Nr. M-2013-816-1_0. Archäologische Untersuchung. Mai bis Juli 2013. (masch. Manuskript), Partenstein 2014., S. 29-30.

[4] Harald Rosmanitz, Die Niederungsburg „Mole“ bei Heimbuchenthal im Spessart, in: Georg Ulrich Großmann (Hg.), Die Burg zur Zeit der Renaissance (Forschungen zu Burgen und Schlössern Bd. 13), Berlin, München 2010, S. 227–240., S. 229.

[5] David Enders, Harald Rosmanitz, Tatort Burg. Die Ausgrabungen auf der Burg Wildenstein, in: Beiträge zur Archäologie in Ober- und Unterfranken 9 (2015), S. 317–352., 340-342; Harald Rosmanitz, Christine Reichert (Hg.), Eschau, Lkr. Miltenberg, Burg Wildenstein. Maßnahmen-Nr. M-2011-676-1_0. Archäologische Untersuchungen, April/Mai 2011 sowie August bis Oktober 2012. (masch. Manuskript), Partenstein 2014., S. 53-55.

[6] Harald Rosmanitz, Sabrina Bachmann, Michael Geißlinger, Partenstein, Lkr. Main-Spessart, Burg Bartenstein, Maßnahmen-Nr. M-2016-1339-1 und 2_0. Archäologische Untersuchungen Juli bis November 2016 sowie Mai bis August 2017. (Masch. Manuskript), Partenstein 2019., S. 64-65.

[7] Manuel Janosa, Ein Ofenkacheldepot vom Churer Martinsplatz., in: Mittelalter · Moyen Age · Medioevo · Temp medieval. Die Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins 2 (1997), S. 95–106.

[8] Rosmanitz (wie Anm. 2).

[9] Peter Prüssing, Mittelalterliche und frühneuzeitliche Ofenkacheln aus Dieburg. Ein Beitrag zur Geschichte des Kachelofens, in: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften 8 (2013), S. 241–300.

[10] Joseph von Hefner, Johann Wilhelm Wolf, Die Burg Tannenberg und ihre Ausgrabungen, Frankfurt am Main 1850.


© Harald Rosmanitz, Partenstein, 2019