Der Sockel eines Heiligenfigürchens aus Pfeifenton, gefunden auf der Mole

Die thronende Muttergottes mit Kind aus Konstanz kommt dem Stück von der Mole sehr nahe (Aus: Ralph Röber (Hg.), Glaube, Kunst und Spiel. ALManach 1, (Stuttgart 1996), S. 98, Abb. 54).

Von einem zweiten Figürchen: der Kopf einer Madonna aus Pfeifenton, ebenfalls auf der Mole gefunden

Der Ausschnitt aus dem Tafelbild "Die Heilige Barbara am Kamin" aus dem Jahre 1438 zeigt über dem Kamin eine auf einen Sims gestellte Heiligenfigur. Bei dem Stück aus der Mole dürfen wir mit einer ähnlichen Plazierung rechnen. Rechter Seitenflügel des Triptychons für Heinrich von Werl mit der Heiligen Barbara am Kamin, Robert Campin,1438 (Madrid, Museo National de Prado)

Das 4,1cm hohe Fragment einer Heiligenfigur ist nicht nur ein sehr schönes, sondern auch in vielerlei Hinsicht aussagekräftiges Fundstück. Es lag in Schnitt 3 zusammen mit Halbzylinderkacheln mit reliefiertem Vorsatzblatt vom Typ Tannenberg in einer 50cm mächtigen Aufschüttung unmittelbar vor der Westmauer der Mole.

Die Herstellung eines solchen Reliefs, das ursprünglich eine reliefierte Rückseite besaß, war vergleichsweise einfach. Ergrabene Werkstätten in Augsburg, Köln, Konstanz und Worms zeigen, dass der Töpfer dabei ohne aufwendige Werkstattausrüstung ausgekommen sein dürfte. Der magerungsfreie, weiß brennende Ton wurde nach sorgfältigem Einfetten der Form in ein keramisches Model eingedrückt. Die Statuetten konnten in einem Arbeitsgang durch das Eindrücken in ein zweischaliges Model hergestellt werden. Für die größeren Figuren – wie beispielsweise auch für die Figur von der Mole bei Heimbuchenthal- formte man Vorder- und Rückseite getrennt aus. Die aus der Form gelösten Halbschalen wurden noch in lederhartem Zustand miteinander verstrichen. Nun folgten die Glättung der Seitennähte und das Zuschneiden der Standfläche mittels eines Schneidedrahts.

Die Arbeitsabläufe in einer solchen Werkstatt waren optimiert. Zahlreiche gleichartige Model in den Werkstätten zeigen uns, dass man mehr auf Masse denn auf Klasse bedacht war. Es soll jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass es daneben beispielsweise in Lüneburg, Straubing oder in Utrecht Werkstätten gab, die im 15. Und 16. Jahrhundert außerordentlich qualitätsvolle Andachtsbilder oder andere Figurengruppen schufen. Die dort entstandenen keramischen Plastiken unterscheiden sich – mit Ausnahme des gewählten Materials – in keiner Weise von vergleichbaren Holzskulpturen.

In einem zweiten Arbeitsschritt wurden die Figuren in einem Töpferofen gebrannt. Man kann sich vorstellen, dass ein solcher Ofen mit zig Tausenden kleiner Kunstwerke bestückt war. Eine Aufwertung der Figuren konnte dann vor oder nach dem Verkauf auf einem überregionalen Markt – in unserem Fall kämen die am Main gelegenen Städte Aschaffenburg, Miltenberg, Wertheim und Würzburg in Frage – farbig bemalt werden. Das Stück von der Mole in Heimbuchenthal weist keine Farbspuren auf.

Bleibt noch zu klären, was man mit diesen kleinen Bildern bezweckte. Dazu sollte man erst einmal darüber nachsinnen, wie das Fragment von der Mole ergänzt und welcher Werkstattgruppe es zugewiesen werden kann.

Hervorstechendstes Merkmal des Heimbuchenthaler Stückes ist der halbrunde Sockel mit rautenförmigem Maßwerk. Ein vergleichbares, allerdings mehr als doppelt so großes Figürchen im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe zeigt auf gleich ausgebildetem Sockel eine Figurengruppe mit der Anna Selbdritt. Eine Pieta im Spital von Bärenweiler zeigt, dass auf einem ähnlich gebildeten Sockel auch andere Andachtsfiguren denkbar sind. Dies bestätigt auch ein Blick auf das Fundmaterial aus der Kreuzlingerstraße 29 in Konstanz. Dort findet die Sockelgestaltung für eine sitzende Madonna, eine stehende Heilige sowie für den stehenden Heiligen Gallus Verwendung. In allen Fällen gibt es Ähnlichkeiten aber keine Übereinstimmungen des Faltenwurfs mit dem Heimbuchenthaler Relief. Dennoch helfen die Konstanzer Vergleiche weiter. So sind die Gewandfalten in Heimbuchenthal eher bezeichnend für eine sitzende Figur, so dass für uns am ehesten eine Madonna oder eine Pieta in Frage kommt.

Wie Brigitta Nage bereits bei der Bearbeitung des Konstanzer Werkstattfundes ausführlich darlegte, lassen sich alle Figuren dieser Gruppe stilistisch dem ausgehenden Weichen oder Internationalen Stil zuschreiben. Dies legt einen Entstehungszeitraum in den Jahren vom 1430/40 nahe. Brigitta Nagel verweist dabei insbesondere auf „weich modellierte, parallel geführte Röhrenfalten, die über dem Boden umknicken und in parallel angeordnete zickzackförmige Staufalten übergehen“. Damit weicht des Figürchen um mindestens vierzig Jahre von dem sonstigen, in dieser Schicht geborgenen Fundgut ab, das in erster Linie mithilfe der recht frühen, in Dieburg gefertigten Halbzylinderkacheln ausnahmslos in die 1380er Jahre datiert werden kann.

Tonfiguren lassen sich bezüglich ihrer Nutzung in zwei Gruppen unterteilen: Der Vielzahl von eindeutig als Spielzeug von Kindern wie auch von Erwachsenen genutzten Figuren steht eine ebenfalls nicht ganz unbedeutende Anzahl von Figuren gegenüber, die eindeutig volksfrömmigen Charakter besitzen. Eingebaut in kleine Altärchen oder als Andachtsbilder an der Wand hängen oder an markanter Stelle auf einem Gesims oder in einer Nische stehend sollten sie die Bewohner vor Krankheit und Naturgewalten schützen. Eine geradezu abergläubische Verwendung fanden die als Devotionalien in Einsiedeln in der Schweiz verkauften Nachbildungen des wundertätigen Heiligenbildes aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der beim Zerreiben der Figur entstehende Staub wurde eingenommen und sollte dem sehnlichen Kinderwunsch Rechnung tragen. Auch legte man solche Figürchen gerne unter das Wurzelwerk eines neu gepflanzten Baumes. Sicher erhoffte man sich dabei eine deutliche Ertragsteigerung.

Das Fragment des Heiligenfigürchens von der Mole in Heimbuchental ist ein in vielerlei herausragender Fund. So belegt er unter anderem die weitreichenden Handelsbeziehungen des Burgherren: Allem Anschein nach erwarb man die ursprünglich ca. 15cm hohe, vollplastische Figur einer Madonna oder einer Pieta auf einem der überregionalen Märkte der Umgebung. Hergestellt wurde das gute Stück aufgrund der Provenienz der bislang bekannten Vergleichsstücke am Oberrhein. Motivgebend könnten dabei künstlerische Werkstätten in Basel, Freiburg oder Straßburg in Betracht gezogen werden. In jedem Fall war die Keramik schon weit gereist, als sie schließlich in der „Guten Stube“ in der Mole aufgestellt wurde. Für die Geschichte des Burgstalles selbst könnte das Relief einen Lösungsansatz dafür bieten, warum wir bislang auf der Mole nur sehr wenige Fundstücke bergen konnten, die nach 1400 datiert werden können. Beachtenswert scheint die zeitliche Übereinstimmung der stilistischen Datierung des Figürchens in die Zeit um 1430/40 mit einer Urkunde vom 28. Februar 1438. In ihr ist davon die Rede, dass das dort befindliche Haus abgebrochen und in Steinheim wiederaufgebaut wurde. Diese Textstelle könnte dahingehend gedeutet werden, dass des sich bei dem erwähnten Anwesen tatsächlich um den kleinen Burgstall handelte, dessen Ende damit besiegel wurde. Man findet zwar die Nennung der „Mole“ auch in späteren Urkunden, allerdings in erster Linie als genaue Ortsangabe. Über den Zustand der Bebauung werden keine Aussagen getroffen. Die derzeitigen archäologischen Aufschlüsse sprechen dafür, dass nach dem Abtragen des Hauses im Jahre 1438 die verbliebene Ruine nicht mehr weiter genutzt wurde. Das Heiligenfigürchen wäre demnach einer der letzten Anschaffungen vor dem Niedergang des Burgstalls.

Weiterführende Literatur:

Brigitta Nagel, Heilige in Serie. Eine technologisch-kunstwissenschaftliche Untersuchung. In: Röber, Ralph (Hg.): Glaube, Kunst und Spiel, Stuttgart 1996, S. 59-132.
Werner Schäfke (Hg.): Heilige & Gaukler. Kölner Statuetten aus Pfeifenton. Kölner Museums-Bulletin 1/1988.
Eva Zimmerman, Die Mittelalterlichen Bildwerke in Holz, Stein, Ton und Bronze, Karlsruhe 1985, bes. S. 145, Kat.-Nr. 1.