Ganz nah am Heiligen. Die Sakristei als Bestattungsort?
Mit der Sakristei haben wir den einzigen, weitgehend vollständig erhaltenen Baubefund auf dem Gotthardsberg vor uns, der auch archäologisch untersucht werden konnte. Meist mussten wir uns mit den letzten Überresten solcher Baulichkeiten begnügen. In der Verschneidung von Bauanalyse und Archäologie lassen sich an dieser Stelle alle wichtigen Entwicklungsphasen der Besiedelung des Gotthardsberges aufzeigen.
Das Alter einer noch stehenden Mauer ist schwer zu ermitteln. Heute noch sichtbare, eingeritzte Inschriften im Wandverputz, häufig mit einer Jahreszahl versehen, gehen ins 18. Jahrhundert zurück. Zu diesem Zeitpunkt war die Sakristei kein Sakralraum mehr. Auch etwas Verpöntes, nämlich das Verewigen des eigenen Besuchs in Form von Einritzungen, kann ein wertvoller Teil der Geschichte sein, wenn er denn genügend alt ist.
Als Sakristei wird in einer Kirche ein Nebenraum bezeichnet, in dem Dinge aufbewahrt werden, die für den Gottesdienst notwendig sind. Dazu zählen Messgewänder und liturgische Geräte, Leuchter, Messwein, Gebetücher, Altardecken und Kerzen. Ein solcher Raum dient dem Priester dazu, sich auf die Messfeier vorzubereiten.
Im Zuge der Grabungen wurden in der Sakristei die Fundamente bis auf den gewachsenen Felsen freigelegt. Anlass war eine notwendig gewordene, fundierte Untersuchung des Untergrunds vor Einbau des Visitorcenters. Die Bodenuntersuchungen ermöglichten es, Aussagen über die Bauentwicklung zu treffen. Die Nordmauer der Sakristei kann dafür beispielhaft mit einem aussagekräftigen Profil aufwarten:
Als ältester Befund zeigt sich im Bereich des heutigen Zugangs (linker Profilrand) ein in den anstehenden Sandstein eingeschlagenes, kreisrundes Pfostenloch. Direkt anschließend an die tragende Eckkonstruktion der Pfeilerbasis des romanischen Chorbogens dürfte an dieser Stelle ein sehr breiter Pfosten, ein wesentlicher Teil des Baugerüstes, verankert gewesen sein.
Der unterste Mauerabschnitt (gelb), der direkt auf den Sandsteinfelsen aufgesetzt wurde, weist überraschend großformatige, scharrierte Quader auf. Die sorgfältige Steinbearbeitung im Fundamentbereich überrascht. Solche Quader wurden für obertägig sichtbare Bauelemente gefertigt. Ins Fundament gelangten die Steine erst bei ihrer Zweitverwendung. Dies gibt uns einen Hinweis darauf, dass hier vor Errichtung der heutigen Wand ein älterer Gebäudeteil gestanden haben dürfte.
Im Aufgehenden (orange) zeigt sich in der östlichen Mauerhälfte ein fast ein Meter langer, oben glatter Stein. Es handelt sich um eine Türschwelle einer heute vermauerten, schmalen Pforte. Durch diese gelangten die Nonnen vom Chorbereich kommend zum Friedhof außerhalb der Kirche. Dort bestatteten bis 1438 die Benediktinerinnen ihre verstorbene Mitschwestern. Auch die Fläche der heutigen ehemaligen Sakristei war während der Klosterzeit Teil des Friedhofes. Bei den Grabungen zeigte sich, dass als Begräbnisort eine Stelle möglichst nahe dem Allerheiligsten, dem geweihten Altar, favorisiert wurde. Bis zu sechs Bestattete wurden hier übereinander zur letzten Ruhe gebettet.
Nach der Überführung in ein Priorat des Klosters Amorbach wurde der Friedhof aufgegeben. Die verstorbenen Mönche fanden, wie vorher auch, im Kloster im Tal ihre letzte Ruhe. Beim Umzug der Nonnen wurden einige noch bekannte Bestattungen dem Boden entnommen und umgebettet. Als dann die Sakristei südlich an den Chor angefügt wurde, traf man beim Ausheben der Fundamentgrube auf die unteren Extremitäten der beiden Bestattungen 01 und 02. Bei diesem Umbau verlor auch die Friedhofspforte ihre Funktion. Die neue, deutlich breitere Türe, der heutige Zugang, wurde weiter westlich in die Wand zwischen Chor und Sakristei eingefügt. Der Raum erhielt einen keramischen Boden (rot).
Impressionen


