Modern bis ans Ende – Der Kombinationsofen vom Prioratshaus

Fragment einer Blattkachel mit Tapetendekor
Das Bildfeld der Blattkacheln, die am Ende der Besiedelung auf dem Gotthardsberg zum Einsatz kamen, ist gleichförmig mit glatten, einfach abgetreppten Bändern besetzt. In diese sind antithetisch nach oben und nach unten weisende lilienförmige Besätze eingebunden. Ein horizontaler, sich zu den Rändern hin verschmälernder, ebenfalls glatter Halbstab trennt die spiegelbildlichen Besätze voneinander. Die Zwickel zwischen den Medaillons sind mit kleinen Akanthusrosetten bestückt.
Als additiver Besatz waren solchermaßen verzierte Kacheln sowohl für den Oberofen als auch für den Feuerkasten eines Kachelofens gedacht. Sie ähneln in ihrem Bildaufbau zeitgenössischen Papier- und Ledertapeten. Einer der frühesten Öfen mit einem solchen Besatz ist jener mit zwei zylindrischen Aufsätzen, den Peter Aichner im Jahre 1517 für die Burg Trausnitz ob Landshut anfertigen ließ.
Die keramischen Bestandteile waren mit solchen aus Gusseisen in einen Ofenkörper eingebunden. Der Vorteil dieses Ofentys ist in der Kombination von sich schnell erwärmenden und auch extreme Temperaturunterschiede auffangenden, eisernen Ofenelementen mit den länger die Wärme speichernden, keramischen Bestandteilen zu sehen. Der Kombinationsofen, ein Hybrid aus gusseisernen Platten im Feuerkasten und keramischem Besatz im Oberofen, hat sich in Süd- und Südwestdeutschland im 17. Jahrhundert und weit darüber hinaus als langlebige und energieeffiziente Raumheizung bewährt. Im Gegensatz zu den mit Kacheln besetzten Oberöfen erweisen sich gusseiserne Feuerkästen aufgrund ihrer Materialeigenschaften als deutlich langlebiger. Die Robustheit hat ihren Preis. Dies ist wörtlich zu verstehen. Der Erwerb eines solchen Ofens war deutlich teurer als die Anschaffung eines ausschließlich mit Keramiken bestückten Kachelofens. Mehrfach auf- und abbaubar, konnte ein Feuerkasten aus gusseisernen Platten in seiner Nutzungszeit nacheinander an mehreren Standorten aufgestellt gewesen sein. Die Platten waren so stabil, dass sie sogar Brandkatastrophen und Kriegsverwüstungen weitgehend unbeschadet überdauerten. Gusseisen hat einen hohen Materialwert. Zudem ist es problemlos recyclebar. Die Feuerkästen vom Gotthardsberg dürften nach ihrem Abtragen schnell den Weg in einen der zahlreichen in der Region ansässigen Eisenhämmer gefunden haben.

Tapetendekore mit Lilie in einfach ausgebildeten Leisten gibt es in zwei Varianten.
Die Motivgruppe lässt sich zeitlich nicht exakt eingrenzen. Fundstücke aus den Werkstätten des auf dem Klaushof im Schwalm-Eder-Kreis tätigen Cuntz Budner (+ 1611) sowie des Hans Feupel (1598 – 1621) in Witzenhausen verweisen den Nutzungszeitraum an den Beginn des ersten Drittels des 17. Jahrhunderts. Mindestens ein Jahrzehnt früher, bald nach 1590, erhielt das Schloss oberhalb von Rauschenberg seine Ausstattung mit Kombinationsöfen. Auf der nahe bei Marburg gelegenen Burg stand von da an bis zu ihrer Zerstörung im Jahre 1646 mindestens ein Ofen mit Kacheln mit Lilien zwischen gebogenen Leisten. Zwanzig Jahre älter dürften die beiden Modelfragmente aus der Werkstatt in der Großen Greifengasse in Speyer sein. Mit der zweiten Produktionsphase einer Durlacher Töpferei liegt für die 1540er Jahre der bislang älteste Nachweis der seriellen Produktion des Dekors vor. Wie lange dessen Laufzeit war, veranschaulicht eindrucksvoll ein Sekundär- oder Tertiärmodel aus Schwäbisch Hall. Es trägt rückseitig die Jahreszahl 1679.
- Rekonstruktion einer Blattkachel mit Tapetendekor
- Rekonstruktion einer Blattkachel mit Tapetendekor mit Masken
- Rekonstruktion einer Gesimskachel mit akanthusblattbesetztem Fries
- Rekonstruktion einer Gesimskachel mit taubandbesetztem Halbstab.
Die Wiederauferstehung eines Kachelofens vom Gotthardsberg, dessen Oberfläche mit den hier vorgestellten Tapetendekoren besetzt war, kann ein effektives Werkzeug sein, um mit ihr die Quintessenz induktiver Forschung publikumswirksam und eingängig darzustellen.
Als sichere Basis einer solchen Rekonstruktion bedarf es nicht nur einer Visualisierung, sondern zusätzlich der Vorlage einer lückenlosen Beweiskette.
Bei einer artefaktbasierten Herangehensweise rückt das Verständnis der Fertigung in den Fokus der Betrachtung: Details auf Vorder- und Rückseite erlauben Rückschlüsse über die Positionierung der Ofenkachel in einem Ofenkörper. Der Ermessenspielraum, den die Kacheltypen hinsichtlich ihrer formalen Ausgestaltung auf deren Einbindung an einer bestimmten Stelle im Ofenkörper geben, ist darzulegen. Gleiches gilt für das Verhältnis des Einzelstücks zum additiven Bezugsrahmen der Ofenwandung. Sorgfalt ist auch bei der Angabe der Fassungen vonnöten, die beim Setzen oder beim nachträglichen Überarbeiten hinzukamen.
Auch mit Kacheln aus eher problematischem Fundzusammenhang lässt sich über deren Einbindung in ein größeres Ganzes eine belastbare Ausgangsbasis für eine Veranschaulichung schaffen.
Die Voraussetzungen, die Kachelfragmente des vierten Kachelnutzungshorizonts vom Gotthardsberg in eine hypothetische Ofenrekonstruktion einzubinden, sind gegeben:
- Über den Baubefund und Motivvergleiche lässt sich die Nutzungsphase auf knapp zwanzig Jahre beschränken. Davor lag die Anlage seit 1525 für annähernd achtzig Jahre brach. Die Fundstücke des jüngsten Kachelhorizonts sind in Machart und Dekor leicht zu identifizieren. Der Fundschleier, in dem die hier relevanten Stücke enthalten waren, ist dem ehemaligen Prioratshaus zuordenbar. Das Gros der Artefakte lag in der Verfüllung des dort ergrabenen Gewölbekellers.
- Die Kachelfragmente lassen sich formal und aufgrund der Oberflächenbehandlung, der dunkelbraunen Glasur oder dem Graphitauftrag, einer Gruppe zuordnen. Fünf Ausprägungen sind zu unterscheiden: Blattkacheln mit Lilienbesatz (92 St.), Blattkacheln mit Maskenbesatz (6 St.), Gesimskacheln mit Akanthusblattfries (13 St.), Gesimskacheln mit Tauband (18 St.) sowie Ofenlehm (3 St).
- Über die Kachelfragmente ist des Weiteren der Ofentypus, der Kombinationsofen, erschließbar. Bei diesen war lediglich der Oberofen mit Kacheln besetzt.
- Die einzelnen Formate ließen sich nach deren Vervollständigung gut aufeinander abstimmen. Der Winkel der einseitigen Abschrägungen der Gesimskacheln und Wölbung der konvexen Vorsatzblätter der Blattkacheln lieferten maßgebliche Anhaltspunkte für die exakte Ermittlung der Breiten- und Tiefenerstreckung des mit Keramiken besetzten Teilstücks des Ofens.
Die Rekonstruktion beruht damit auf einer tragfähigen Grundlage.

Zusammenstellung der Bauteile eines Kombinationsofens.
Die hypothetische Rekonstruktion1 zeigt einen 245 cm hohen, zweiteiligen Kombinationsofen. Seine Stirnseite ist 84 cm breit, seine Schmalseite 102 cm. Über zwei steinernen Pfeilern erhebt sich der aus gusseisernen Platten bestehende Feuerkasten.2 Seine Rückseite war in eine Wand des zu beheizenden Raums integriert. Zwei Durchbrechungen dort erlaubten das Befeuern von einem gesonderten Raum aus. An dieser Stelle zogen auch die Abgase ab. Der 120 cm hohe Oberofen reichte ursprünglich fast bis zur Decke.3 Das in seiner Grundform zylindrische, mit Kacheln bestückte Konstrukt steht im Gegensatz zum Feuerkasten frei im Raum. Insgesamt dürften in das Ofensegment 85 Kacheln eingebaut gewesen sein.4 Der keramische Oberofen setzt mit einem einzeiligen Bering aus Blattkacheln mit Maskenbesatz an. Ein fallendes Karnies, bestehend aus polygon angeordneten Gesimskacheln mit akanthusblattbesetzten Friesen, leitete zu einem im Durchmesser etwas schmaleren Zylinder über. In drei versetzt zueinander angeordneten Lagen finden sich dort Blattkacheln mit Liliendekor. Übereinander gestaffelt, schließen zwei Gesimskacheln mit jeweils steigendem Karnies das Ganze mit einem breiten, kleinteilig horizontal gegliedertem Gesims nach oben hin ab. Über einer Reihe Gesimskacheln mit Akanthusblattbesatz befinden sich Kacheln desselben Typs, die mit ihren taubandbesetzten Halbstäben etwas aufwändiger dekoriert sind.
Trotz aller Unwägbarkeiten versteht sich die Ofenvisualisierung als Quintessenz des aktuellen Forschungsstandes des jüngsten kachelführenden Fundkomplexes auf dem Gotthardsberg. Das Konstruktionsmodell kann an den Anfang zahlreicher weiterführenden Recherchen gestellt werden. So sei beispielsweise auf Überlegungen zur Energieeffizienz, zur thermischen Belastung der Einzelkacheln oder von Segmenten des Ofens sowie zur Verteilung der Wärme verwiesen.
Die Aussagekraft des 3D-Drucks der Visualisierung entspricht in etwa derjenigen eines historischen Ofenmodells. Zudem gewinnt die Ideenfindung, umgesetzt in etwas Greifbares, geradezu zwangsläufig an Glaubwürdigkeit. Ein solches Ausstellungsmittel ermöglicht, ähnlich dem Einsatz von Repliken, den haptischen Zugang zu einem Stück Alltagskultur.
- Ofenmodell des Kombinationsofens …
- Präsentation der Ofenrekonstruktion und des Ofenmodells …
Im Falle des Kombinationsofens vom Gotthardsberg entschieden wir uns für ein Modell im Maßstab 1:10. Das Werkstück besteht aus thermoplastischen Polymeren, die der Materialgruppe Nylon zuzuordnen sind.5 Das Material kann starken mechanischen Belastungen dauerhaft standhalten. Um das Ganze in einem Stück zu fertigen, musste die Multi-Jet-Fusion-Technik zum Einsatz gebracht werden. Diese Mischung aus Pulverbettschmelzen und Materialstrahlverfahren erlaubt das Generieren klarer Kanten und feiner Details. Stützstrukturen sind nicht erforderlich. Ein solches Modell kann nachträglich farbig gefasst werden. In vorliegendem Fall wurde eine schwarze Grundmasse gewählt. Da diese, abgesehen von Lichtbrechungseffekten auf der Glasur am Oberofen, dem Originaleindruck recht nahekommt, wurde auf das nachträgliche Bemalen verzichtet.
- Sabrina Bachmann, Heimbuchenthal nahm sich freundlicherweise der Modellierung des Ofens mit Tapetendekor vom Gotthardsberg an.
- Abmessungen des Feuerkastens: 86,5 cm x 84,0 cm x 102 cm.
- Abmessungen des Oberofens: 120,0 cm x 79,0 cm x 79,0 cm.
- 49 Blattkacheln, davon 36 Fragmente mit Lilie und 13 mit Maske sowie 36 Gesimskacheln, davon 24 mit Akanthusblattbesatz und 12 mit Tauband.
- Das Ofenmodel (H. 250,71 mm, Br. 127,58 mm, T. 104,48 mm) hat ein Volumen von 1312 cm2 und ein Gewicht von 1325,95 g. Es wurde innerhalb von 15 Arbeitstagen gefertigt. Das Modell steht in der Ausstellung der Funde vom Gotthardsberg im Heimatmuseum von Weilbach-Weckbach.






