Ähnlich den Burgen Bartenstein, Wertheim und Wildenstein leisteten sich die Bewohner auf dem Gotthardsberg am Ende des 15. Jahrhunderts eine Raumheizung, wie sie selbst für die Repräsentationsbauten des Adels, Klerus und des Patriziats in benachbarten Städten am Untermain wie Aschaffenburg, Miltenberg, Wertheim oder Würzburg noch nicht nachgewiesen werden konnte. Der mit mehrfarbig glasierten Kacheln bestückte Ofen stand im Parterre des Prioratshauses. Vom Ofen selbst haben sich kleinteilig zerschlagene Fragmente weniger Kacheln erhalten, darunter einige, deren Motivwahl mit dem Nutzungskontext des Prioratshauses nur schwer vereinbar sind. Sie lassen sich über Vergleichsstücke von der Burg Drachenfels identifizieren. Diese wurden im Jahre 1996 in der bei Busenberg in der Pfalz gelegenen Wehranlage gefunden. Die Zerstörung der Burg am 10. Mai 1523 gibt den terminus ante quem der dortigen Nutzung an.

Fragment einer Halbzylinderkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Aristoteles und Phyllis vom Gotthardsberg. Bild vervollständigt durch das Fragment einer baugleichen Kachel von der Burg Drachenfels, Speyer, Historisches Museum der Pfalz. Fotos: Harald Rosmanitz, Grafik: Sabrina Bachmann.
Das von einem runden Medaillon umgebene Mittelbild zeigt eine reitende Frau. Im Damensitz thront sie auf einem auf allen Vieren kriechenden, alten Mann. Die Frau ist mit ihrer turbanartigen Haube und ihrem in scharfkantigen Falten liegenden Kleid mit weitem, v-förmigem Ausschnitt in der Tracht des ausgehenden 15. Jahrhunderts dargestellt. Zeichnen sich Brüste und Taille unter dem Stoff deutlich ab, bleiben ihre Füße unter dem weit herabhängenden Rock vollständig verborgen. Um die eng geschnürte Taille hängt an einem ledernen Band ein Täschchen auf ihre Hüfte herab. An ihrem linken Ohr wird ein Teil eines Gefrens, einer Fransenborte, die den Nacken bedeckte, sichtbar. In ihrer erhobenen, angewinkelten Linken hält sie eine einschwänzige Peitsche. Die rechte Hand greift in das Haar eines am Boden krabbelnden Mannes. Er hat sein bärtiges Gesicht ebenso wie die auf ihm reitende Frau dem Betrachter zugewendet. Die Bekleidung des Mannes ist mit der niedrigen Kappe und der pelzkragenbesetzten Schaube typisch für einen Gelehrtenhabit des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hautenge Beinlinge, die nahtlos in Schnabelschuhe übergehen, schließen das Outfit nach unten hin ab.
Die beiden Figuren sind oberhalb des Mannes von einem glatten Schriftband hinterfangen. Es ist mehrfach in sich verdreht. Seine Räumlichkeit erhält die Darstellung dadurch, dass sie in Teilen in das breite, glatt gekehlte Medaillon eingreift. Die Außenkante der Rahmung ist in den ansonsten nicht dekorierten Zwickeln jeweils mit einer Nase besetzt. Ein schmaler Halbstab leitet zu einer weiteren, glatten Kehle über, die das Bildfeld annähernd quadratisch einfasst.
Die ungewöhnliche Thematik ist der Gruppe der „Weiberlisten“ zuzuordnen. Der zeitgenössischen Literatur, aber auch dem moralisierenden, religiösen Kontext entlehnt, geht es darum, dem Betrachter durch die Konfrontation mit extremen, skurril anmutenden Situationen im Sinne einer christlichen Lebensführung den rechten Weg zu weisen. Oft sind solche Themen zu mehrteiligen Bildfolgen zusammengeschlossen.
Die Darstellung von Aristoteles und Phyllis geht auf eine aus Indien über den arabischen Raum tradierte Erzählung zurück, bei der ursprünglich ein Minister seinen König vor dessen übergroßer Liebe zu seiner Frau warnte, ihr aber daraufhin selbst verfiel.
„Weiberlist und Männertorheit“ durchzieht die Bilderwelt des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Der Liebesnarr Aristoteles entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Er lässt sich in ein ganzes Repertoire von Männertorheiten einbinden, der das Schneiden der Haare Samsons durch Delila, die Enthauptung Johannes des Täufers im Auftrag von Salome, die Tötung des Holofernes durch Judith und die badende Bathseba ebenso zuzuordnen sind wie Salomos Götzendienst. Annähernd alle Sujets fanden ihren Widerhall auf Werken der Kachelkunst.

Aristoteles und Phyllis, Kupferstich des Hausbuchmeisters, um 1480, Amsterdam, Rijksprentenkabinett, Slg. Van Leyden, Port. 20, Nr. 90
Die Graphik, welche den Halbzylinderkacheln vom Gotthardsberg zugrunde gelegen haben dürfte, könnte im Nachgang einer um 1480 zeitlich zu verortenden Zeichnung des Hausbuchmeisters entstanden sein. Neben Parallelen im Gesamtkonzept und in der Kleidung beider Agierender nimmt die runde Grundform des Bildes die Konzeption des Kachelreliefs vorweg. Allerdings weist der Peitschenarm von Phyllis nach unten. Die Szene ist wie in den meisten Versionen der Erzählung in einen umfriedeten Garten verlegt. Dies ermöglichte es dem Künstler, zwei sich auf die Mauer lehnende Männer als Zeugen dem Geschehnis hinzuzufügen.

Ein Blick auf die Kartierung der Verbreitung solcher Kacheln zeigt, dass die stilistisch nachzeichenbare oberrheinische Provenienz der graphischen Vorlage ihren Widerhall in der Nutzung des Kachelmotivs fand. Das nördlichste und gleichzeitig östlichste Vorkommen im thüringischen Schmalkalden dürfte dem Einfluss des Bistums Würzburg geschuldet sein. Nach Süden bilden zwei nordschweizerische Fundpunkte und einer im ehemals württembergischen Montbéliard die Grenze des Motiveinsatzes. Auffällig ist die weite Erstreckung nach Westen. Sie reichte bis ins Lothringische. Als gesicherte Produktionsorte sind die Städte Metz und Saverne anzuführen.