Die Kacheln aus der Zeit um 1400 vom Gotthardsberg
Bei den ältesten reliefierten Ofenkeramiken des Gotthardsberg handelt es sich um Kacheln vom Typ Tannenberg. Die Halbzylinderkacheln mit vertikalem Halbzylinder wurden in Dieburg gefertigt. Die Alleinstellungmerkmale des Typs sind das reliefierte Vorsatzblatt mit genastem Dreiecksgiebel sowie die stark stilisierten Flachreliefs in den beiden daran angrenzenden, oberen Zwickeln.
Die Halbzylinderkacheln vom Typ Tannenberg unterscheiden sich durch den Dekor in ihren oberen Zwickeln voneinander. Neben rein Ornamentalem und Floralem sind bei Kacheln vom Typ Tannenberg als Reliefs in den Zwickeln reale oder imaginäre Tiere außerordentlich beliebt. Es finden sich Vögel, Hasen, Hirsche und Löwen, aber auch Einhörner und Drachen. Eine weitere, sehr umfangreiche Motivgruppe machen heraldische Besätze aus. Figürliche Darstellungen bilden eher die Ausnahme.
Die Bedeutung des Kacheltyps liegt in seiner Rolle als Leitform zur Datierung oder als Sozialindikator. Mit ihm wurde im Rhein-Main-Raum und seinen angrenzenden Regionen der Schritt von den bis dahin größtenteils aus scheibengedrehten Becher- und Spitzkacheln bestehenden Kachelöfen zu hochwertigen, reliefverzierten Teilen der Innenausstattung konsequent vollzogen. Der Quantensprung hin zu einer repräsentativen und mit einem Bildprogramm ausgestatteten, rauchfreien Raumheizung führte zur flächendeckenden Versorgung begüterter Bevölkerungsschichten.

177 Kachelfragmente vom Gotthardsberg lassen sich dem Typ Tannenberg zuweisen. Mit Ausnahme von zwei Kranzkachelfragmenten und von acht Scherben von Wärmefächern handelt es sich durchweg um Halbzylinderkacheln mit Dreiecksgiebeln und durchbrochenen Vorsatzblättern. Bei den Glasurfarben dominiert Grün. Die Verteilung der Kachelfragmente legt nahe, dass in den zum Leben und Arbeiten genutzten Räumlichkeiten des Benediktinerinnenklosters, die zu jener Zeit auf dem Gotthardsberg betrieben wurde, an mindestens einer Stelle ein mit Halbzylinderkacheln vom Typ Tannenberg bestückter Ofen stand. Eine Massierung relevanter Artefakte ist für die Verfüllung des Gewölbekellers des späteren Prioratshauses belegt
64 reliefierte Fragmente des zweiten Kachelnutzungshorizonts auf dem Gotthardsberg waren motivisch zuordenbar. Wenn davon nur etwa ein Drittel in einen größeren Kontext gestellt werden können, ist dies dem hohen Zerscherbungsgrad des Fundgutes geschuldet. Mit Hilfe von FurnArch ließen sich 15 Motive herausarbeiten.
Speichenrädern lassen sich 39 Fragmente zuweisen. Mit 60,0 % stellen diese anteilig die größte Gruppe der identifizierbaren Dekorelemente dar. Das Motiv ist in der Grauzone zwischen Signet des Erzbistums Mainz und Ornament anzusiedeln. Eine heraldische Relevanz des Speichenrads auf Kacheln auf dem Gotthardsberg im Sinne eines Verweises auf den Erzbischof von Mainz kann nicht ausgeschlossen werden. Das Kloster unterstand zum Zeitpunkt der Errichtung und Nutzung der Öfen dem Hochstift Würzburg, das seinerseits dem Erzbistum Mainz zugehörig war.
Der Ofen auf dem Gotthardsberg entsprach in seiner Motivbestückung dem für die zweite Dieburger Produktionsphase greifbaren Dekorelementen. Er verfügte zudem über ein Wärmefach. Mit diesem ließ sich die Wärmeabgabe eines Kachelofens regulieren. Ein solches Wärmefach setzte sich aus zwei Teilen zusammen. Über einem querrechteckigen, 34,5 cm in die Tiefe greifenden Unterbau saß eine dreiteilige, horizontal in drei Register gegliederte Bekrönung. Den Gutteil der Konstruktion nahm ein länglicher, auf der schnell drehenden Töpferscheibe gefertigter, keramischer Körper ein. Dieser war horizontal in den Ofen integriert. Lediglich die Mündung kragte leicht aus der Ofenwand vor. Sie dürfte mit einem hölzernen Einschiebedeckel ausgestattet gewesen sein.
Zwei Ganzfiguren flankieren den zentralen, querrechteckigen Durchbruch. Es handelt sich um Kruselerpüppchen des Typs 2c. Zweifelsfrei liegt hier eine direkte Übernahme zeitgleicher Spielzeugfigürchen in einen völlig anderen Nutzungskontext vor. Die Einbindung von Kruselerpüppchen in die Vorsatzblätter der Wärmefächer vom Typ Tannenberg gibt Einblicke in das Arbeiten bildgebender Töpfereien. Auf der Suche nach neuen Dekoren griffen diese auf Erzeugnisse hochspezialisierter Bilderbäcker zurück und machten die Schöpfungen aus fremder Hand so zu einem festen Bestandteil ihres eigenen Œuvres.

Die Visualisierung eines Ofens mit Kacheln vom Typ Tannenberg erweist sich als problematisch. Aufgrund des mit der Nutzung einhergehenden Verschleiß und der Platzierung der Öfen in repräsentativen Räumen, die im ausgehenden 14. Jahrhundert fast immer in den oberen Stockwerken eines Gebäudes zu verorten sind, ist kein einziger davon, auch nicht in Teilen, auf uns gekommen. Zeitgenössische Abbildungen fehlen ebenso. Als Ansatzpunkte für die Rekonstruktion bleiben nur noch die Kachelfragmente selbst.
Um die räumlichen Dimension des Ofenkörpers besser nachempfinden zu können, erwies es sich als unerlässlich, die heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Dafür bot sich die dreidimensionale, computergestützten Animation an:
Bei der hier gezeigten hypothetischen Rekonstruktion eines Ofens mit Kacheln vom Typ Tannenberg wurde mit dem Programm Blender ein kubischer Körper konstruiert. Seine Hülle bilden plastische Idealrekonstruktionen der dazugehörigen Ofenkacheln. Die Vorsatzblätter auf den Kacheln lassen lediglich das dem Bildaufbau zugrundeliegende übergeordnete Gliederungssystem erkennen. Das aus allen erdenklichen Perspektiven betrachtbare und beleuchtbare Ofenmodell stellte den Bearbeiter vor zusätzliche Herausforderungen. Viele Aspekte des Ofenaufbaus waren in dieser Form bislang noch nicht als relevant erachtet worden. So galt es, die Übergänge des Ofenlehms ebenso neu zu überdenken wie die Statik der Kuppel des Oberofens.

