Die Befunde aus den Grabungen der Burg Hauenstein können nach der Befundanalyse und der ersten Begutachtung des Fundmaterials grob in acht Perioden unterteilt werden:

  • Geologisch (undatiert)Prozentuale Verteilung der Befunde auf die einzelnen Bauperioden
  • Periode 1 – Nutzung zweites Drittel 13. Jahrhundert
  • Periode 2 – Erbauung Kemenate (1375)
  • Periode 3 – Spätmittelalterliche Nutzung (1375 – 1405)
  • Periode 4 – Niederlegung der Burg, Brand des Fachwerkhauses (1405)
  • Periode 5 – Brachliegen (1405 – 1805)
  • Periode 6 – Errichtung Hofgut Hauenstein und Reaktivierung des Teichs (1805)
  • Periode 7 – Humusbedeckung und rezente Durchwühlung (19./20. Jahrhundert)

 

Geologisch

Keiner der Befunde wurde bis auf den anstehenden Felsen abgetieft. Die unmittelbar auf dem anstehenden Felsen aufliegende Verwitterungsschicht des Gneises besteht hier wohl aus einer tonigen Schluffschicht. Dadurch war es sehr schwer möglich das Gewachsene vom Mauerversturz zu unterscheiden. Erschwerend hinzu kommt die kontinuierliche Ablagerung von Flusssedimenten in der unmittelbaren Umgebung des Burghügels durch den nahegelegenen Bachlauf. Diese lehmigen, extrem wasserhaltigen Schichten zeichnen sich deutlich im Befund, insbesondere in Schnitt 1 West, ab.

Periode 1 – Nutzung zweites Drittel 13. Jahrhundert

Die Nutzungsphase des 13. Jahrhunderts wird auf der Burg Hauenstein insbesondere im Bereich der Zwingermauer archäologisch fassbar: dort tritt in der ältesten Bauphase ein halbrunder Befund zu Tage, der in die später aufgeführte Zwingermauer integriert ist. Dieser Befund dürfte als Überrest eines Halbschalenturms anzusprechen sein, der beim Ausbau der Anlage 1375 (Periode 2) dann als Fundament der Zwingermauer in diese integriert worden sein dürfte. Es konnte nicht eruiert werden, ob der Halbschalenturm der Periode 1 als Teil der älteren Ringmauer bezeichnet werden kann, oder als Teil der Kernburg. Weiterhin zeichnen sich mit aller Vorsicht in diese Periode zu datierende Aufschüttungen ab, die das Fundament der Anlage des 13. Jahrhunderts gebildet haben dürften. Aufgrund der späteren Überbauung (Periode 2) und den damit verbundenen Bodeneingriffen existiert kein klar diesem Befunden zuzuweisendes Fundmaterial, das die Datierung genauer fassbar machen würde. Eine zweite Grabungskampagne dürfte hier konkrete Aussagen über die genauere Datierung sowie die verschiedenen Bauphasen erbringen.

Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass es sich bei der Burg Hauenstein im 13. Jahrhundert um eine Burg an der Grenze des Einflussgebiets der Grafen von Rieneck handelte. Ihr kam – ähnlich wie der zeitgleich existierenden Burg Mole bei Heimbuchenthal – die Funktion einer kleinräumigen Repräsentation der Landesherrschaft im Bereich der Außengrenzen zu. Weiterhin ist durch die topografisch besondere Lage an der Zuwegung zur Birkenhainer Straße – einer der wichtigsten Straßen durch den Spessart – eine Kontrollfunktion an einem Verkehrsknotenpunkt wahrscheinlich. Ähnlich wie bei der bereits im 13. Jahrhundert zerstörten Burg Wahlmich bei Waldaschaff – die ebenfalls den Grafen von Rieneck als Landesherren zuzuschreiben ist – kam der Anlage also auch eine verkehrsstrategische Rolle zu.

Periode 2 – Erbauung Kemenate (1375)

Über die Erbauung der Kemenate im Jahre 1375 sind wir durch Archivalien unterrichtet.[1] Die unmittelbare Folge waren massive Bau- und Umbaumaßnahmen im gesamten Bereich der Burg. Durch diese Maßnahmen wurde die ältere Bebauung – insbesondere der in Periode 1 zu datierende Halbschalenturm – größtenteils in den neuen Baukörper integriert.

Diese Umbaumaßnahmen zeichnen sich im Befund deutlich ab. Die bereits vor Beginn der Grabungen 2017 obertägig sichtbaren Befunde im Bereich des Burghügels sind vermutlich ebenso in diese Periode zu datieren wie die Ringmauer, die Zwingermauer, sowie ein der Zwingermauer westlich vorgelagerte Gebäude. Die hohe Befunddichte (Schnitte 1 und 2) und die vergleichsweise geringe Grundfläche des Burghügels lassen auf eine flächige und enge Bebauung in der Periode 2 schließen. Trotzdem muss zumindest die Ringmauer eine nicht zu unterschätzende Stärke von mindestens 160 cm im aufgehenden Mauerwerk aufgewiesen haben. Die Befunde machen deutlich, dass die Bebauung im Burginneren damit wesentlich enger gewesen sein muss, als bisher angenommen. Da die Befunde sich unmittelbar keiner signifikanten Zeitstellung zuweisen lassen, muss die Datierung über die Verknüpfung mit zeitgleichen, vergleichbaren Anlagen wie der Burg Mole bei Heimbuchenthal[2] sowie die Vergesellschaftung mit den ausgesprochen aussagekräftigen Funden der Burg Hauenstein erfolgen.

Der Periode 2 sind fast alle 2017 ergrabenen Mauerzüge zuzuweisenDie archivalisch überlieferte Errichtung der Kemenate im Jahre 1375 spiegelt sich in den der Periode 2 zuzuweisenden Schichten im umfangreichen Fundmaterial wider: Dieburger Ware sowie gelb und grün glasierte Keramik können ebenso dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts zugewiesen werden wie getauchtes Protosteinzeug. Weiterhin liefern Halbzylinderkacheln vom Typ Tannenberg nicht nur den Nachweis, dass sich auf der Burg Hauenstein ein entsprechender repräsentativer Ofen befunden haben muss, sondern untermauern auch die ausgeprägten Handelsbeziehungen zum nahegelegenen Herstellungsort Dieburg.

An den Befunden der Periode 2 lässt sich ein deutlicher Funktionswandel der Burg Hauenstein ablesen. Stellte die Burg im 13. Jahrhundert noch eine Wehranlage zur Grenzsicherung und Repräsentation der Landesherrschaft dar (Periode 1), so fungiert sie im ausgehenden 14. Jahrhundert (Periode 2) primär als ökonomisches Verwaltungszentrum eines protoindustriellen Areals. Der Überwachung der Produktionskette der unterhalb der aufgestauten Teichanlagen liegenden Mühlen sowie der Fertigung und der Besteuerung hochwertiger Endprodukten – im Falle der Burg Hauenstein eiserne, auf der Innenseite verzinkte Flaschen – wurde immer mehr Bedeutung zugemessen. Dieser Prozess des funktionellen Wandels einer Burg wird auch auf anderen Spessartburgen deutlich: die Burg Bartenstein bei Partenstein[3] mit ihrer Funktion als Verwaltungs- und Logistikzentrum der Glasproduktion im östlichen Spessart, die Burg Mole bei Heimbuchenthal[4] mit dem Eisenhammer und der Klosterberg bei Hösbach-Rottenberg[5], der zur Überwachung des lokalen Eisenerzabbaus genutzt wurde, sie alle vollziehen den Funktionswandel, der veränderten ökonomischen Bedingungen und Produktionsweisen zuzuschreiben ist.

Damit lässt sich die Burg Hauenstein einer Reihe von Spessartburgen zuordnen, die sich als Ergebnis dieses Prozesses von Wehranlagen regionalstrategischer Bedeutung zur Schnittstelle zwischen Ökonomie und repräsentativer Landesherrschaft entwickeln. Eine vergleichsweise kleine Burg in ungünstiger Lage wird so zu einem rentablen, regionalen wirtschaftlichen Zentrum spezialisierter Produkte, das dem Burgherrn seinen an der überaus hochwertigen Innenausstattung erkennbaren Lebensstil ermöglicht.

Periode 3 – Spätmittelalterliche Nutzung (1375 – 1405)

DurchIn der Periode 3 waren annähernd alle in Schnitt 1 und 2 zu sehenden Mauerzüge in Funktion. die lediglich in Ausschnitten erfolgte Untersuchung der meisten Befunde sowie die recht kurze Nutzungsphase zwischen 1375 und 1405 ist eine chronologische Unterscheidung der Perioden 2 und 3 nicht immer möglich. Eindeutig der Periode 3 zuzuweisen sind jedoch die Laufhorizonte, die sich im Inneren der Burg, im Bereich des Zwingers und zwischen Zwinger und westlich vorgelagertem Haus befinden. Diese sind jeweils unter der Brandschicht von 1405 zu verorten, und bilden somit den kurzen Nutzungszeitraum zwischen beiden archivalisch überlieferten Daten ab.

Eindeutig der Periode 3 zuzuweisendes Fundgut ist nicht evident. Im Allgemeinen setzt sich der Gebrauch der bereits in Periode 2 genutzten und teilweise in den Laufhorizonten der Periode 3 befindlichen Dieburger Keramik sowie der Halbzylinderkacheln Tannenberger Art in der Periode 3 fort.

Stratigraphisch sind die Schichten der Periode 3 recht eindeutig dahingehend einzuordnen, als dass sie sich erkennbar unterhalb der mächtigen Brandschichten der Periode 4 befinden.

Periode 4 – Niederlegung der Burg, Brand des Fachwerkhauses (1405)

Die Niederlegung der Anlage im Jahre 1405 schlägt sich in allen Befunden nieder. Insbesondere in den Schnitten 1 und 2 zeichnen sich durch die flächige Brandzerstörung mächtige Straten aus Brandschutt ab. Dabei stellte sich im Laufe der Grabungen 2017 heraus, dass die Brandzerstörung sich primär in Form von Hüttenlehm, seinerseits überlagert von bis zu 60 cm mächtigen Schichten aus Hohlziegeln äußert. Es ist daher anzunehmen, dass die in der Periode 2 erfolgte, dichte Bebauung des Burghügels vorwiegend aus mehrstöckigen Gebäuden, deren obere Stockwerke in Fachwerktechnik aufgeführt waren, bestand. Aufgrund des extrem hohen Fundaufkommens an Hohlziegeln liegt die Vermutung nahe, dass ein Großteil der Bauwerke der Burg über ein mit Ziegeln gedecktes Dach verfügt haben dürfte. Sogar der Bereich zwischen der Zwingermauer und dem westlich vorgelagerten Gebäude wies oberhalb des Laufhorizonts eine bis zu 40 cm mächtige Strate aus stark mit Hüttenlehm durchsetztem Brandschutt auf, obwohl dieser Bereich ursprünglich frei von Bebauung gewesen sein dürfte.

Im Innenbereich des westlich der Zwingermauer vorgelagerten Gebäudes zeigt sich dieser Vorgang besonders deutlich: hier entsteht eine bis zu 100 cm mächtige Schuttschicht, die stark mit Hohlziegelbruch durchmischt ist. Dort stürzte das obere Stockwerk des zumindest aus zwei Stockwerken bestehenden Fachwerkhauses nach dem Brandereignis nach mitsamt der Dachkonstruktion (Hüttenlehm, Hohlziegel) nach innen und begrub das zu diesem Zeitpunkt dort zwischengelagerte, bei den Grabungen 2017 wiederentdeckte Fundgut.

Um der bereits im Vorfeld des Brandereignisses angekündigten Zerstörung der Anlage zuvorzukommen, entschieden sich die Burgbewohner offenbar, das gesamte mobile Inventar aus der Burg zu entfernen, zu verpacken und im westlich vorgelagerten Gebäude für den Abtransport zwischenzulagern. Sogar die eisernen Haken zur Befestigung der Fensterläden und die dekorativen Halbzylinderkacheln des Oberofens wurden ausgebaut und aus der Burg entfernt. Mit dem Brand dieses Gebäudes inklusive des darin befindlichen Materials stellte sich für die Archäologen als Glücksfall heraus: in keinem anderen der vom ASP seit 2004 ergrabenen Objekte konnte ein so umfangreiches und vollständiges Fundinventar entdeckt werden, wie auf der Burg Hauenstein. Stark beschädigte eiserne Scharniere und Fassreifen deuten darauf hin, dass das Inventar sorgfältig in Truhen und Fässern gelagert war, bevor das gesamte Gebäude abbrannte.

Auf der Burg Hauenstein konnte somit bei den Grabungen 2017 ein für den Spessart bisher einzigartiges Fundensemble entdeckt werden, das weitreichende Schlüsse sowohl auf die Burg als auch auf die vorgelagerten Wirtschaftsgebäude zulässt. Die wissenschaftliche Aufarbeitung und Auswertung des Materials von der Burg Hauenstein wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Durch die vom ASP für das Frühjahr 2019 avisierten Grabungen auf der Burg Mömbris, die durch ein ähnliches Schicksal – der Zerstörung durch König Ruprecht von der Pfalz – mit der Burg Hauenstein verknüpft ist, ergibt sich möglicherweise eine Verdichtung der Hinweise auf die Vorgehensweise bei der Zerstörung einer Burg von vergleichbarer Größe, wodurch wiederum Rückschlüsse auf das Vorgehen auf der Burg Hauenstein möglich werden dürften.

Umso erstaunlicher scheint der Umstand, dass trotz vergleichsweise guter Urkundenlage der Brand auf der Burg Hauenstein in den Archivalien keinerlei Niederschlag findet. Möglicherweise ergeben sich auch hier weitere Hinweise aus der Aufarbeitung der Quellen für die Burg Mömbris.

Periode 5 – Brachliegen (1405 – 1805)

Nach der Brandzerstörung von 1405 lässt sich keine weitere Nutzung der Anlage archäologisch erfassen. In keinem der Befunde in Schnitt 1 und 2 finden sich weitere, auf den Brandschichten aufgelagerte Kulturschichten, ebenso wenig Fundmaterial. Lediglich fundneutrale Auflagerungen aus heterogenem Erdmaterial lassen sich im gesamten Burgbereich feststellen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Zerstörung der Burg Hauenstein, die keineswegs so vollständig war, wie beispielsweise die Zerstörungen auf der Burg Wahlmich bei Waldaschaff im 13. Jahrhundert, zur völligen Aufgabe der Burg geführt hat. Dies ist insofern ungewöhnlich, als dass sich nicht einmal archäologische Nachweise einer Steinentnahme ergeben. Der gesamte steinerne Baukörper konnte somit als Ruine – denn die Mauern der Burg Hauenstein waren durchaus so massiv gearbeitet, dass sie die Jahrhunderte überdauern konnten – weiterhin bestehen.

Die zweitverwendeten Hölzer gehörten zur Entwässerung des Teiches nordwestlich der Burg. Ob diese bereits zeitgleich mit der Burg oder erst anlässlich der Reaktivierung im Jahre 1805 eingebaut wurden, muss derzeit noch offen bleiben.Die Präsenz solcher Anlagen als Ruinen ist für den Spessart nicht untypisch. Die Burg Mole bei Heimbuchenthal bestand noch bis in die 1840er Jahre, bis das Steinmaterial zu Schotter für den Straßenbau abgetragen wurde. Ähnlich stellt sich die Entwicklung der Burg Mömbris bis zum Jahre 1849 dar, in dem sie aufgrund von akuter Einsturzgefahr niedergelegt werden musste. Die Ruinen der Burg Wildenstein bei Eschau stehen bis heute in der umgebenden Kulturlandschaft.

Allen genannten Burgen ist gemeinsam, dass sie sich bis heute in Privatbesitz befinden und sich damit dem Zugriff der ortsansässigen Bevölkerung entzogen, die vielen anderen Fällen aufgelassene Burgen zur Entnahme von Baumaterial nutzte, wie zum Beispiel auf der Burg Bartenstein bei Partenstein.

Die Burg Hauenstein wurde somit nicht Ziel bereits spätmittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Steinentnahmen und existierte bis 1805 als Ruine.

Periode 6 – Errichtung Hofgut Hauenstein und Reaktivierung des Teichs (1805)

Mit der Neuerrichtung des Hofgutes Hauenstein als Mustergestüt 1805 ändert sich die Situation: der Eigentümer, der zugleich Eigentümer der Hauenstein ist, benötigt für das neue Hofgut erhebliche Mengen an Bruchstein. Anstatt naheliegende Steinbrüche auszubeuten oder zu erschließen, wird das Steinmaterial der Burg Hauenstein abgetragen und zweitverwendet. Es erfolgt der Ausbau eines Wegs von der Burg zu seinem Hofgut und über mehrere Wochen werden Steine über Ochsenkarren bis zur Baustelle auf der Rückfallkuppe des Hügels transportiert[6]. Diese Zerstörung ist einschneidenste in der langen Geschichte der Burg Hauenstein. Das Vorgehen beim Abriss ist vergleichbar mit der Niederlegung der Burg Bartenstein bei Partenstein: zuerst werden Teile der Mauern zum Einsturz gebracht, dann Schalsteine ausgebrochen und abgefahren. Der aus Kleinschlag bestehende Mauerkern ist nicht wiederzuverwerten und bleibt vor Ort, ebenso Gewändesteine aus ortsfremden Material. Der anfallende Schutt bildet eine bis zu 4 m hohe Überdeckung der Hänge, die auch noch die letzten sichtbaren Reste der Bebauung verdeckt. Der Schutt, der etwa auf Höhe der Laufniveaus niedergelegten Mauern überlagert seinerseits vollständig die Fundamente, aber auch Teile des aufgehenden Mauerwerks. Die so vorgenommene Zerstörung war aufgrund des Materialbedarfs bei Errichtung des Hofgutes enorm: nach derzeitigem Wissensstand wurde das aufgehende Mauerwerk der Ringmauer, der Zwingermauer und der Innenbebauung vollständig abgetragen.

Diese massiven Zerstörungen führen dazu, dass die Ruine, von der davor weder ein Grundriss noch eine Zeichnung angefertigt worden ist, vollständig aus dem Weichbild verschwindet.

Es muss allerdings festgehalten werden, dass das westlich vorgelagerte Gebäude nicht mehr zerstört werden konnte, da dort die Brandschuttschichten von 1405 die steinernen Kellerfundamente überlagerten.

Dass die tiefgreifende Zerstörung der Anlage in den Urkunden nur indirekt erschlossen werden kann, lässt den Schluss zu, dass eine historische Wertigkeit der Anlage zu diesem Zeitpunkt in der Gedankenwelt der Menschen keine Rolle spielte. Erst später bewirkte die Burgenromantik ein gesteigertes Interesse an Heimatgeschichte.

Periode 7 – Humusbedeckung und rezente Durchwühlung (19./20. Jahrhundert)

In der Periode 7 entstehen humose Auflagerungen. Teile der ehemaligen Burganlage werden Ende des 19. Jahrhunderts dennoch obertägig wieder sichtbar, was dazu führt, dass eine erste Baubeschreibung sowie die Erstellung eines Grundrissplans im Jahre 1919 erfolgt. Offenbar war man bemüht, im Zuge der erstarkenden Heimatforschung, die offenliegenden Teile der Burg auch sichtbar zu halten. Erste Fotos der 1930er Jahre zeigen die Gewölbestichkappe der Treppe zwischen Erdgeschoss und Kellergeschoss. Dieses Bildmotiv wird zum Erkennungszeichen der Burg. Am Ende des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts nimmt sich die Heimatforschung der Anlage an. Der damalige Kreisheimatpfleger Scheller versucht, das Anwesen käuflich zu erwerben. Aufgrund der schlechten verkehrstechnischen Anbindung rückt die Ruine jedoch nicht in den unmittelbaren Fokus der Heimatforschung. Es werden keine größeren Grabungen unternommen, stattdessen beschäftigt man sich mehr mit Archivalien als mit dem Baubefund.

Auf Initiative des 2013 gegründeten Vereins „Kulturlandschaft Kahlgrund“, in enger Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und der Gemeinde Krombach soll die Burganlage schließlich auch archäologisch untersucht werden. Die Bemühungen kulminieren in der vorliegenden Ausgrabung.

Fazit

Die Burg Hauenstein reiht sich in eine ganze Gruppe von Burgen ein, deren heutige Form durch ihre Nutzung als Verwaltungszentrum der örtlichen Ökonomie geprägt war. Bereits um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde auf dem Hügel, der zu diesem Zeitpunkt bereits durch einen Halsgraben von der von Norden her einstreichenden Rückfallkuppe getrennt war, eine Bebauung angelegt. Ob der bei den Grabungen 2017 teilergrabene Schalenturm, der in der Periode 2 in die Zwingermauer integriert wurde, zur damaligen Kernburg zu zählen ist oder bereits zu diesem Zeitpunkt Teil einer diese umschließenden Ringmauer war, ließ sich nicht feststellen.

Spätestens im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts wurde auf einem Hügel, der aus oberflächennah stark verwittertem Gneis besteht, eine Wehranlage mit steinerneren Mauern errichtet (Periode 1). Als Baumaterial dienten in Mörtel verlegte, grob zugerichtetes Gneisgestein. Ließ sich dieses Material vor Ort gewinnen, so musste der später stark ausgehärtete Mörtel herbeigeschafft werden.

Aus den Grabungsbefunden kann der Bauvorgang zumindest in Teilen erschlossen werden. Die meiste Arbeitskraft dürfte in die Anlage des Halsgrabens investiert worden sein. Dazu wurde, dem geologischen Relief folgend, das verwitterte Gestein abgegraben und steil an den Hängen des Burgbergs angeböscht.[7]

Der eigentliche Ausbau der Anlage erfolgte frühestens in der Periode 2. Es finden massive Umbaumaßnahmen im Bereich des Zwingers statt, außerdem wird ein mindestens ein vorgelagertes Wirtschaftsgebäude (Mühle) errichtet. Die Anlegung der Teichanlagen ist ebenfalls dieser Periode zuzuordnen. Da die Perioden 2 und 3 weder im Befund noch im Fundgut klar voneinander abgrenzbar sind, ist eine zeitliche Feingliederung derzeit nicht möglich. Als chronologisch relevante, auf den Monat genau datierte Strate schließt die Brandschicht des Jahres 1405 (Periode 4) die kontinuierliche Besiedlung des Burghügels ab. Dieser behielt seine Form als Burgruine unverändert über die gesamte Periode 5 bei. Der Bedarf an Baumaterial anlässlich der Errichtung des Hofguts Hauenstein 1805 (Periode 6) führte zum vollständigen Abtrag der bis dahin sichtbaren Bausubstanz. Gleichzeitig wurde das spätestens in Periode 2/3 geschaffene Teichsystem nordwestlich des Bodendenkmals reaktiviert.

Im Zeichen der Beschäftigung mit der Lokalgeschichte geriet die Burg spätestens in den 1930er Jahren in den Fokus der Heimatforscher. Die mehr als zehnjährige Annäherung des Vereins „Kulturlandschaft Kahlgrund“ mündete schließlich im Jahre 2017 in einer dreimonatigen Grabungskampagne.

Die Grabung auf der Burg Hauenstein ist ein Baustein in einem nunmehr vierzehnjährigen Forschungsprojekt, bei dem die mittelalterlichen Strukturen des Spessarts an ausgewählten Bodendenkmälern ausschnittsweise untersucht werden. Beispielhaft für vergleichbare Mittelgebirgsregionen sind inzwischen weitreichende, zum Teil sehr detaillierte Aussagen über die Territorialpolitik, die Wirtschaftsweise und den Alltag in Dörfern, Burgen und Klöstern möglich. Zu dieser Zeit erfuhr die Kulturlandschaft Spessart auch außerhalb der Städte einen tiefgreifenden Wandel. Im Hinterland der urbanen Ballungszentren Aschaffenburg und Würzburg wurden Rohstoffe abgebaut und verarbeitet. Eine Optimierung brachte der Auf- und Ausbau einer angemessenen Infrastruktur, wie sie sich für das Kloster Elisabethenzell bei Rieneck exemplarisch am archäologischen Befund aufzeigen lässt.

Die Besiedlungsgeschichte auf dem Burghügel zeigt nachdrücklich, dass die Anlage wie viele andere im Spessart mindestens zwei völlig unterschiedliche Zwecke erfüllt haben dürfte: anfangs als Repräsentation der Landesherrschaft errichtet diente sie im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts in erster Linie der kontinuierlichen Gewinnabschöpfung des Landesherrn. Dieser konnte sich seinen aufwendigen Lebensstandard nur leisten, indem er die in seinem Territorium ansässigen Produzenten von Rohstoffen und hochwertigen Endprodukten entsprechend besteuerte. Die Symbiose von Mühle und Repräsentationsanlage, die auch baulich deutlich voneinander unterscheidbar waren, zeigt sich am klarsten, wenn man sich die archäologisch erfassten Geschehnisse anlässlich der Zerstörung im Jahre 1405 vor Augen führt: der Haushalt der Burg wurde im unscheinbareren Wirtschaftsbereich „versteckt“, um dort möglicherweise die Plünderungen durch die königlichen Truppen von König Ruprecht von der Pfalz zu überstehen. Durch die vollständige Zerstörung der Produktionsorte (Mühlen) verlagerte sich die Infrastruktur Richtung Krombach. Der Standortwechsel hatte zur Folge, dass auch eine Wiedererrichtung Burg keinen Sinn mehr machte. Erst die durchgreifende Agrarreform des beginnenden 19. Jahrhunderts, die in Krombach in der Errichtung eines Mustergestüts oberhalb des Burghügels kulminiert, greift die im Mittelalter geschaffenen Strukturen teilweise wieder auf und reaktiviert diese. Dies gilt insbesondere für die Teiche nordwestlich der Burg. Der „Memoria“, also der Rückbesinnung auf die einstige Bedeutung, wird zu diesem Zeitpunkt kaum Beachtung geschenkt. Die Burgruine wird vollständig abgetragen und damit weitestgehend aus dem Bewusstsein getilgt. Das schwer zu bewirtschaftende Areal wird zu einem extensiv genutzten Teil eines Wirtschaftsverbundes, dessen Dreh- und Angelpunkt nun das Hofgut Hauenstein bildet. Gleichzeitig ist man zumindest im Detail bemüht, das Vergangene nicht ganz aus den Augen zu verlieren. So baut man ein aus der Ruine geborgenes Türgewände aus Sandstein sowie eine mit einer Inschrift versehene Platte deutlich sichtbar in die Mauern des Hofguts Hauenstein ein.

 

Anmerkungen:

[1] Peter Fleck, Der Hauenstein im Kahlgrund. Burg und Höfe im Laufe der Jahrhunderte, in: Gemeinde Krombach/Ufr. (Hg.), Krombach 1237 bis 1993. Aus der Geschichte einer Spessartgemeinde, Krombach 1993, S. 145–166.

[2] Harald Rosmanitz, Heimbuchenthal, Lkr. Aschaffenburg, Burgstall Mole. Maßnahmen-Nr. M-2008-168-1 und -2. Archäologische Untersuchungen, Mai bis Juli 2008 und Mai bis Juli 2009. (masch. Manuskript), Partenstein 2012.

[3] Harald Rosmanitz, Sabrina Bachmann, Christine Reichert, Partenstein, Lkr. Main-Spessart, Burg Bartenstein. Ausgrabungen 2004 bis 2009. Fst. Nr. 5923/023 und 2007-52601, 0-3. (masch. Manuskript), Partenstein 2016.; Harald Rosmanitz, Sabrina Bachmann, Michael Geißlinger, Partenstein, Lkr. Main-Spessart, Burg Bartenstein, Maßnahmen-Nr. M-2016-1339-1 und 2_0. Archäologische Untersuchungen Juli bis November 2016 sowie Mai bis August 2017. (Masch. Manuskript), Partenstein 2019.

[4] Harald Rosmanitz, Die Niederungsburg „Mole“ bei Heimbuchenthal im Spessart, in: Georg Ulrich Großmann (Hg.), Die Burg zur Zeit der Renaissance (Forschungen zu Burgen und Schlössern Bd. 13), Berlin, München 2010, S. 227–240.

[5] Harald Rosmanitz, Hösbach-Rottenberg, Lkr. Aschaffenburg, Klosterberg. Maßnahmen-Nr. M-2013-816-1_0. Archäologische Untersuchung. Mai bis Juli 2013. (masch. Manuskript), Partenstein 2014.

[6] Archivalien im Besitz von Frau Monika Krause, Hofgut Hauenstein

[7] Diese Aussagen müssen derzeit noch hypothetisch bleiben, da erst bei einer Folgegrabung die Nordseite des Burghügels ausschnittweise zu untersuchen wäre.

 

Weiterführende Literatur:

Peter Fleck, Der Hauenstein im Kahlgrund. Burg und Höfe im Laufe der Jahrhunderte, in: Gemeinde Krombach/Ufr. (Hg.), Krombach 1237 bis 1993. Aus der Geschichte einer Spessartgemeinde, Krombach 1993, S. 145–166.

Harald Rosmanitz, Die Niederungsburg „Mole“ bei Heimbuchenthal im Spessart, in: Georg Ulrich Großmann (Hg.), Die Burg zur Zeit der Renaissance (Forschungen zu Burgen und Schlössern Bd. 13), Berlin, München 2010, S. 227–240.

Harald Rosmanitz, Heimbuchenthal, Lkr. Aschaffenburg, Burgstall Mole. Maßnahmen-Nr. M-2008-168-1 und -2. Archäologische Untersuchungen, Mai bis Juli 2008 und Mai bis Juli 2009. (masch. Manuskript), Partenstein 2012

Harald Rosmanitz, Hösbach-Rottenberg, Lkr. Aschaffenburg, Klosterberg. Maßnahmen-Nr. M-2013-816-1_0. Archäologische Untersuchung. Mai bis Juli 2013. (masch. Manuskript), Partenstein 2014

Harald Rosmanitz, Sabrina Bachmann, Michael Geißlinger, Partenstein, Lkr. Main-Spessart, Burg Bartenstein, Maßnahmen-Nr. M-2016-1339-1 und 2_0. Archäologische Untersuchungen Juli bis November 2016 sowie Mai bis August 2017. (Masch. Manuskript), Partenstein 2019

Harald Rosmanitz, Sabrina Bachmann, Christine Reichert, Partenstein, Lkr. Main-Spessart, Burg Bartenstein. Ausgrabungen 2004 bis 2009. Fst. Nr. 5923/023 und 2007-52601, 0-3. (masch. Manuskript), Partenstein 2016


© Harald Rosmanitz, Partenstein, 2019