Werkzeuge und Strategien der Kulturlandschaftsforschung
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O sprecht, warum zogt ihr von dannen? Dieses Gedicht beschreibt eines der drängendsten Probleme Deutschlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: die Auswanderung. Auch aus dem Spessart zogen seinerzeit viele in die Neue Welt. Interessant ist an dieser Stelle die Erwähnung von Alphörnern im Spessart. Sollten sich einst Alpenhirten in den (ganz frisch hinzugekommenen) bayerischen Landesteil verirrt haben? Tatsächlich existiert im Spessart eine Tradition des Alphornblasens, die in Zusammenhang mit dem Übergang an die bayerische Landesherrschaft zu suchen ist – und die sich heute größter Beliebtheit erfreut. Das ist nur eine von vielen Überraschungen der Kulturlandschaft Spessart, denn das Bild vom Spessart als Kulturlandschaft widerspricht dem gängigen Klischee einer Waldlandschaft, die man sich als urtümlich, natürlich und vom Menschen weitgehend unberührt vorstellt.
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| Alphornbläser aus dem Spessart bei der Eröffnung des ersten Kulturrundweges des ASP in Frammersbach im Mai 2000. | ||
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Vielleicht hätte sich bis heute an dieser Vorstellung nichts geändert, wenn sich 1994 nicht eine Hand voll entschlossener Leute zusammengefunden hätten, den es gelang, die Region in Bewegung zu setzen. Unter ihnen waren der Forstamtsleiter von Schöllkrippen a.D. Gerhard Kampfmann und der damalige Leiter des Spessartmuseums in Lohr, Werner Loibl, die in den 80er Jahren die Glashüttenforschung im Spessart angestoßen und vorangetrieben hatten[1]. Von hessischer Seite förderte Prof. Dieter Mollenhauer diese Entwicklung, damals Leiter der 1969 im Spessart eröffneten Forschungsstation für Mittelgebirge des Senckenberg-Instituts in Biebergemünd-Bieber, und ein Pionier der Biodiversitätsforschung[2]. Gemeinsam mit vielen weiteren engagierten Beteiligten bereiteten sie den bayerisch-hessischen Spessart-Kongress vor, der im Sommer 1995 in Bad Orb stattfand. Die dort angestoßene Diskussion zwischen Archäologen, Historikern, Naturwissenschaftlern und Politikern stellte für die Beteiligten eine regelrechte Offenbarung dar und veränderte deren Bild vom Spessart dramatisch [3].Als sich dann im Herbst 1995 die im Vorfeld des Kongresses entstandende Arbeitsgruppe Archäologie dazu entschloss, ein Folgeprojekt zu starten und das Archäologische Spessart-Projekt (ASP) gründete, war dies daher von Anfang an multidisziplinär ausgerichtet [4]. Vor allem war klar, dass die Umsetzung dieses Vorhabens nur durch eine länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen Bayern und Hessen erreicht werden konnte. Zwar formulierten die dominierenden Archäologen Ziele, die eher traditionell ausgerichtet waren, wie die vorhandenen Daten in einer gemeinsamen, (computergestützten) Datenbank zusammenzutragen und für die unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte in Bayern und Hessen einen gewissen Ausgleich zu schaffen. Doch schon von Anfang an war auch ein starkes Gefühl spürbar, dass man mehr auf die Landschaft als Ganzes schauen sollte, nicht nur auf einzelne Denkmalgruppen, um ein besseres Verständnis ihrer Geschichte zu gewinnen, und dass die Öffentlichkeit in das Projekt einbezogen werden müsse. Die Projektarbeit gestaltete sich schwierig, denn ohne Geld konnte es kein Projekt geben, und Geld erwies sich als schwierig zu beschaffen. Der große Wendepunkt kam, als das ASP mit einer kleinen Gruppe hauptsächlich skandinavischer Projekte in Kontakt kam, die gerade dabei waren, eine Kooperation zu Kulturlandschaften zu gründen. Der Kontakt wurde auf dem Abschlusskongress der Bronzezeitkampagne des Europarats in Berlin 1997 geknüpft. Schließlich fanden sich die Museen der Stadt Odense (Dänemark), die Bezirksregierung Rogaland (Norwegen), das Amt für Denkmalpflege (Estland), das ASP (Deutschland) und Föreningen Bronstid (Schweden) zusammen, um European Cultural Paths (ECP) zu begründen, ein Projekt über die bronzezeitliche Landschaft, das vom Schwedischen Partner geleitet wurde. ECP bewarb sich erfolgreich um eine zweijährige Förderung durch das RAPHAEL-Programm der Europäischen Kommission, Direktorat X, für 1998/99 [5].Weit stärker als über die finanzielle Unterstützung wirkte die europäische Anerkennung jedoch durch ihr Prestige, das den bis dahin in der Region wenig bekannten Verein in eine Position hob, die den Zugang zu Fördermitteln und Sponsoren aus der Wirtschaft wesentlich erleichterte. Als 1999 die EU-Förderung auslief, entschieden alle Partner bei der Abschlusskonferenz in Odense, die erfolgreiche Zusammenarbeit fortzusetzen und Folgeprojekte zu entwickeln. Eines davon ist die Straße der Nordischen Bronzezeit, geleitet vom norwegischen Partner, ein anderes Pathways to Cultural Landscapes (PCL), ein Projekt zur Erforschung, Vermittlung und Entwicklung „marginaler“ Landschaften, das vom ASP entworfen wurde. Nach Odense wurden vorbereitende Treffen in Aschaffenburg im Dezember 1999 und Kilkenny (Irland) im Februar 2000 organisiert. In der Folge taten sich 12 Landschaften aus 10 europäischen Ländern zusammen um PCL zu gründen. Vertreten sind Dänemark (Fünen), Deutschland (Albersdorf und Spessart), England (Bowland Forest / Lune Valley), Estland (Kaali), Finnland (Untamala), Irland (Dowris), Italien (Paneveggio / Vanoi), Schweden (Bjäre und Halland), Tschechien (Práchensko) und Wales (Arfon). Die beteiligten Organisationen reichen von gemeinnützigen Vereinen über lokale und regionale Museen, Bezirksverwaltungen und staatliche Denkmalämter zu Universitäten, Forschungsinstituten und einer Akademie der Wissenschaften. Sie repräsentieren damit die ganze Bandbreite der Organisationen und Institutionen die sich mit der Kulturlandschaft beschäftigen, genau wie die Landschaften selbst die ganze Vielfalt der europäischen Kulturlandschaften darstellen, reichen sie doch von Küstengebieten zu hochalpinen Regionen und schließen dabei Feuchtgebiete, Trockengebiete, Marschen, Moore, Heide, Weide- und Ackerland ebenso ein wie Waldgebiete. PCL wird von Lohr aus koordiniert und trägt somit erheblich zur Schärfung des Kulturlandschaftprofils des Spessart in der Europäischen Union bei [6]. |
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Zwei unterschiedliche europäische Regionen mit den gleichen Kulturlandschaftsphänomenen: Spessart und Paneveggio/Pale di San Martino, Italien. Links ein aufgrund des mainzischen Erbteilungsrechts aufgeteiltes Haus in Gelnhausen-Höchst, rechts ein geteiltes Gebäude in Tonadico. Unten links ein für den Spessart typischer Lesesteinhaufen in Flörsbachtal-Lohrhaupten, daneben eine entsprechende Flurbegrenzung im Val Vanoi. Parallelen dieser Art sind in allen Regionen des europäischen PCL-Projekts zu finden. |
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Aber die europäische Zusammenarbeit veränderte auch den Charakter und die Zielsetzungen des ASP: der Ansatz zur Kulturlandschaftsforschung wurde holistischer[7], Archäologie wurde weniger dominant, Öffentlichkeitsarbeit trat noch mehr in den Vordergrund und Aspekte des Landschaftsmanagements rückten mehr ins Zentrum der Überlegungen. 1999 konnte eine ABM-Stelle mit dem Ziel eingerichtet werden, die lange theoretisch bedachten Konzepte praktisch umzusetzen. Die Projektarbeit gliedert sich hauptsächlich in drei Bereiche: Kulturrundwege, Ausstellungen (darunter insbesondere der KUNST-RASEN) sowie die Forschungskoordination. Das Konzept der Kulturrundwege entstand im europäischen ECP-Projekt. Sie werden in enger inhaltlicher und logistischer Zusammenarbeit mit ortsansässigen Geschichts- und Kulturvereinen auf Basis der vorhandenen Wanderwege konzipiert. Info-Tafeln mit aufbereitetem Bildmaterial (60 x 100 cm) sowie einer englischen und französischen Zusammenfassung veranschaulichen dem Besucher Bodendenkmäler und historische Landschaftsmerkmale. Ein Folder (Faltblatt) begleitet ihn auf dem gesamten Weg und gibt einen topographischen und inhaltlichen Überblick.
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Eröffnungen von Kulturrundwegen, wie hier in Flörsbachtal-Lohrhaupten, sind inzwischen kleine Volksfeste. |
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Die Kulturwege werden in enger Zusammenarbeit mit lokalen Geschichtsvereinen, dem Spessartbund, der Denkmalpflege, den Umweltämtern, kommunalen Verwaltungen, der Forstverwaltung und vielen anderen Organisationen erarbeitet. Sie sind speziellen Themen gewidmet, die typisch für die ausgewählte Region sind: z.B. Verkehr und Transport in Frammersbach, die königlich bayerischen Jagdpartien in Bischbrunn oder Bergbau in Biebergemünd. Die durch die Kulturrundwege erreichte Weitergabe wissenschaftlicher Ergebnisse an die Bevölkerung ist die entscheidende Punkt für eine breite Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit durch Verwaltung, Wirtschaft, Vereine und kulturelle Organisationen der Region, wie z.B. der Museen der Stadt Aschaffenburg. Hinzu tritt, und das ist besonders wichtig, dass für jeden Weg ein Konzept zur Erhaltung und Belebung mit örtlichen Organisationen erstellt wurde. Ein Ausbildungsprogramm für Kultur- und Landschaftsführer wird gemeinsam mit relevanten Institutionen, wie der regionalen Wirtschaftsförderung, Tourismusverbänden und Bildungseinrichtungen kreiert. Die Inhalte des Kulturweges werden also durch Führungen und Vorträge nach innen (in die Gemeinde) und nach außen (an den Besucher) getragen. Diese lokalen Aktivisten sind die entscheidenden Multiplikatoren für die Kulturlandschaft, die das neue Bild des Spessart nachhaltig vermitteln. Mit den reichhaltigen Informationen, die dem einheimischen Besucher wie auch dem erholungssuchenden Wanderer bei der Begehung an die Hand gegeben werden, wird eine Sensibilisierung für die Kulturlandschaftsgeschichte des Spessarts erreicht. Der Besucher, der sich in der Kulturlandschaft bewegt und einen konkreten Bezug von Information und Objekt in der Landschaft herstellen kann, erfährt damit die Kulturlandschaft des Spessarts unmittelbar – im heutigen Sprachduktus würde man sagen „live“.
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Folder und Tafeln an den Kulturrundwegen erläutern anschaulich die Kulturlandschaft Spessart |
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Ein wirksames Mittel, um die Aufmerksamkeit auf die Kulturlandschaft zu lenken, sind Ausstellungen. Sie werden gemeinsam mit den Partnern des ASP als Wanderausstellungen entwickelt, die innerhalb wie außerhalb der Region vorgestellt werden. So wurde im November 1999 die Bevölkerung im Spessart aufgefordert, Holzproben nach Frammersbach zu bringen, die dann dendrochronologisch, d.h. auf dem Weg der Jahrringzählung und –vermessung, datiert wurden. Bei der Ausstellung „Kleines im Spessart – ganz groß“ verwandelten sich durch Makro-Fotografie unscheinbare Kleinstpflanzen in tropische Blütenwunder (Schlüchtern April 2000; Heigenbrücken Juni 2001; Gelnhausen Oktober 2001). Gemeinsam mit dem europäischen PCL-Projekt wurde im Juli 2002 in Frammersbach eine Aktion in Zusammenarbeit mit dem Kindergarten umgesetzt, bei der es darum geht wie unsere Kinder die Kulturlandschaft Spessart wahrnehmen. Als ein außergewöhnlicher Erfolg erwies sich der „KUNST-RASEN“, ein Projekt in dem Künstler der Region Kunstwerke in Firmen der Region unter Verwendung der dort üblichen Materialien schufen. Die sechs daraus entstandenen Arbeiten reflektieren die Kulturlandschaft und wurden bisher mit großem Erfolg am Jagdschloss Rohrbrunn (Juli-September 2000), im Kurpark Bad Orb (Oktober 2000), im Schlossgarten Aschaffenburg (Juni-August 2001), am „Tag der Regionen“ in Gelnhausen (Oktober 2001), sowie in Teilen im Außenbereich eines Hotels im Spessart (Frühjahr 2002) gezeigt. Augenblicklich werden einige Objekte in Kulturrundwege einbezogen (Haibach, Weibersbrunn).
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Der KUNST-RASEN brachte moderne Kunstwerke mit Spessart-Tradition zusammen |
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Ein höchst leistungsfähiges Werkzeug der Landschaftscharakterisierung im ASP ist das vom Forschungsinstitut Senckenberg (Forschungsstation für Mittelgebirge, Außenstelle „Lochmühle“, Biebergemünd-Bieber) entwickelte und mit dem ASP gemeinsam fortgeführte Spessart-Geo-Informations-System (Spessart-GIS). Mittels einer hochstrukturierten Datenbasis zur Erfassung archäologischer, geologischer, biologischer, land- und forstwirtschaftlicher Informationen, historischer Dokumente, Karten etc. können Daten in einer nahezu unendlichen Vielfalt kombiniert werden. Daraus entstehen hochinformative Karten, die die Entwicklung der Landschaft in der Zeit darzustellen und sogar 3D-Animationen ermöglichen. Die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten wissenschaftlicher Ergebnisse, z. B. der Archäologie und der Vegetationskunde, lassen aufgrund der revolutionären computertechnischen Möglichkeiten eine neues und aufschlussreiches Bild der Landschaftsentwicklung entstehen. In seiner Komplexität und der Größe der untersuchten Landschaft ist das Spessart-GIS ziemlich einzigartig in Deutschland. Dabei ist die Dateneingabe noch nicht abgeschlossen. Das Spessart-GIS befindet sich im EU-Projekt „Pathways to Cultural Landscapes“ in ständigem Austausch mit unseren europäischen GIS-Partnern. Die beiliegende Karte der Glashüttenstandorte im Spessart (nach Kampfmann/Grimm) gibt einen kleinen Eindruck von der eingegebenen Datenmenge. Die archäologischen Forschungen wurde vor allem auf hessischer Seite mit Hilfe einer Arbeitsgruppe von Amateurarchäologen, deren Leistung bereits mit dem hessischen Kulturpreis ausgezeichnet wurde, durch Grabungen, Feldbegehungen und Prospektionen durchgeführt [9]. Die geophysikalische Prospektion der Alteburg bei Biebergemünd-Kassel im Dezember 1999 wendete diese Untersuchungsmethode erstmals auf einer Anlage dieser Größe (150x450 m) an. Im bayerischen Spessart fanden zwei geophysikalische Prospektionen an kleineren Objekten statt: Im Oktober 1999 auf der Ketzelburg in Haibach und im September 2001 auf der Alteburg /Reuschberg bei Schöllkrippen. Es ist dem ASP damit erstmals am Untermain gelungen, diese moderne Forschungsmethode einzusetzen, die eine genaue, in zwei Phasen differenzierte, elektromagnetische Kartierung des Untergrunds ermöglicht. Das Verfahren der geophysikalischen Prospektion bietet heute zahlreiche Vorteile gegenüber einer herkömmlichen Ausgrabung. Zunächst ist es möglich, das Forschungsobjekt im Untergrund schnell und zielsicher ausfindig zu machen, wohingegen Grabungen stets das Risiko einer falschen Lokalisierung bergen. Die Erkenntnisse der oft wochenlangen Freilegungen, hier vor allem die Analyse der Fundamentstruktur, können mit der neuen Technik schon binnen weniger Tage erzielt werden, was neben dem Zeitaufwand besonders auch die anfallenden Kosten in engen Grenzen hält. Hinzu tritt der naturschonende Aspekt des Verfahrens, da außer der Beseitigung von Unterholz die Waldvegetation und damit das natürliche Umfeld gänzlich erhalten bleibt. Darüber hinaus lassen sich auch mögliche Schäden am Objekt selbst vermeiden. Im Rahmen der Erarbeitung des Kulturrundweges „Am weißen Leimen“ bei Kleinwallstadt wurden Teile des archäologischen Befunds Elmar von Haxthausens aus der Zeit kurz vor 1900 in Eichelsbach (Ortsteil von Elsenfeld, Landkreis Miltenberg) aus der Zeit ab 5.000 v.Chr. durch das Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie der Universität Würzburg aufgearbeitet und in einer Info-Tafel umgesetzt [10]. Bei der archäologischen Erschließung des Spessarts auf bayerischer Seite wird mit der Außenstelle Würzburg des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege eine ebenso enge Zusammenarbeit wie mit den hessischen Kollegen gepflegt. Der ständige Kontakt nach Würzburg in Verbindung mit den Museen der Stadt Aschaffenburg ermöglicht einen unkomplizierten Informationsaustausch ebenso wie die Zusammenarbeit auf dem sensiblen Feld der Prävention von Raubgrabungen [11].
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Die geophysikalische Prospektion von Haibach |
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In vielen Fällen war es fruchtbar, historische Nachforschungen durch archäologische Untersuchungen zu ergänzen. Die Untersuchung der Ketzelburg in Haibach wurde in einer Facharbeit umgesetzt. Die sich daraus ergebenden überraschenden Ergebnisse werden derzeit in der Region diskutiert [14].In dem kleinen Spessartdorf Wiesen haben sich im Rahmen der Entstehung eines Kulturrundweges neue Aspekte für die Ortsgeschichte ergeben. So stellte sich bei der archäologischen Begutachtung von Latrinenfunden aus dem Wiesener Schloss heraus, dass hierbei Ofenkacheln von außergewöhnlicher Qualität vorgefunden wurden, die um 1400 in Dieburg hergestellt wurden. Dieser Fund, das Fundament eines Vorgängerbaus sowie ein deutlich sichtbarer Brandhorizont im Fundament des Gebäudes legen die Vermutung nahe, dass vor dem 1597 erfolgten Bau des Schlosses bereits ein repräsentatives Gebäude bestanden hat. Warum sollte ein heute abseits liegendes Dorf wie Wiesen einst eine solche Bedeutung gehabt haben? Verschiedene Hinweise gehen dahin, dass die Grafen von Rieneck von Wiesen aus die Birkenhainer Strasse, eine überregionale Verkehrsverbindung oberhalb Wiesens, kontrolliert haben. Wiesener dürften auch – ähnlich wie die Frammersbacher – als Fuhrleute tätig gewesen sein. Wiesen hatte also früher eine verkehrstechnisch wichtige Lage, die im Anschluss unter Mainzer Herrschaft immer noch wichtig genug war, um ein Schloss zu errichten. |
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Dieburger Ofenkachel aus dem Schloss Wiesen |
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Ein Schwerpunkt der Arbeit des ASP liegt in Frammersbach. Nachdem der erste Kulturrundweg eingeweiht wurde, konnte in der Folge über die dort stehende Kreuzkapelle eine Facharbeit erstellt werden [15]. Daraus geht hervor, dass diese bislang kaum beachtete kleine Kapelle erstmals 1485 als Steinbau errichtet wurde, wobei vorher eine hölzerne Kapelle existiert haben sollte. Das zeigt die erst vor kurzem zum ersten Mal analysierte Inschrift an der Südwestecke des Gebäudes. Errichtet wurde das Gotteshaus vermutlich im Auftrag der Grafen von Rieneck für die Glasmacher der Region. Die Rienecker unterstützten diesen Berufsstand, um mit seiner Hilfe ihr Herrschaftsgebiet im Spessart zu durchdringen. Auffallend ist die hervorragende strategische Lage der Kreuzkapelle. Sie liegt an einer der wichtigsten überregionalen Handelsrouten der damaligen Zeit, der Wiesener Straße. Außerdem münden noch zwei lokale Verkehrswege am Standort der Kapelle. Somit steht sie an einem Hauptkreuzungspunkt, an dem Handels- und Fuhrleute von überall her vorüberkamen. Damit konnte die Kapelle nicht nur von den Glasmachern, sondern auch von den zahlreichen, vorbeifahrenden Fuhrleuten genutzt werden. Als sich im Laufe der Jahre zu den Glasmachern auch Pilger aus der ganzen Region gesellten und sich die Wallfahrt entwickelte, erweiterte man die Kapelle. Mit der Zeit wurde sie dann Ziel von Pilgergängen. Sowohl die Legende um den heiligen Rochus als auch die Rittersage sind Begründungen für die Wallfahrt. Beide verbinden die Legenden mit den vorhandenen Fakten. Als wegen des geplanten Neubaues der Frammersbacher Pfarrkirche 1824 vom Bischöflichen Ordinariat Würzburg die Anordnung kam, die Kreuzkapelle abzureißen, um so an den Kapellenfond heranzukommen und damit einen Kirchenneubau in Frammersbach zu bezahlen, setzte sich Pfarrer Stefan Romeis für die Erhaltung der Kapelle ein. Er schrieb einen Brief nach Würzburg, in dem er die Geschichte und Bedeutung dieses Gotteshauses schilderte. Auf Grund dieses Briefes blieb die Kapelle bestehen. Gleichzeitig lieferte Romeis damit die Basis der historischen Überlieferung. Im Juli 2001 wurde in Frammersbach eine auf drei Jahre befristete Stelle eingerichtet, die sich um den Aufbau und die Konzeption des Heimschneider- und Fuhrmannsmuseums kümmert. Hierdurch wurde innerorts ein allgemeiner Anstoß für die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte erreicht. In Kürze soll in einer vierteljährigen Auftragsarbeit das Frammersbacher „Sechserbuch“ untersucht werden, das Informationen der dörflichen Verwaltung zwischen 1500 und 1700 enthält. Die Auswertung verspricht interessante Ergebnisse über das Wirken der Frammersbacher Fuhrleute. Ähnlich wie in Frammersbach wirkten sich die Untersuchungen in Haibach aus. Im persönlichen Gespräch mit zahlreichen Haibacher Bürgern wurde deutlich, dass die Ketzelburg niemals nur ein namenloser Ringwall am Ortsrand gewesen ist, sondern dass Generationen von Haibachern oft ganz individuelle Kindheitserinnerungen mit ihr verbinden und sie so im Gemeindeleben stets präsent war. Die wissenschaftliche Erschließung der Lokalhistorie war für viele Haibacher nach eigener Aussage mehr als überfällig und lieferte lang erwartete Antworten. Die enge Verbundenheit der Ketzelburg mit der Ortsgeschichte, vielleicht sogar als eigentliche Keimzelle Haibachs, und ihre gleichzeitige Bedeutung als exemplarischer Teil der Kulturlandschaft Spessart macht sie zu einem bedeutenden Bindeglied, auf dessen Grundlage den Menschen vor Ort die kulturelle Vielfalt ihrer Heimat bewusst und das Interesse für den gesamten Naturraum Spessart angeregt wird. Über die persönliche Verbundenheit mit der Ketzelburg ist es vor allem möglich, junge Menschen zu erreichen und ihr Interesse für die Heimat zu fördern. Dies ist die Basis für persönliches Engagement und gewährleistet so den langfristigen Schutz des regionalen Kulturerbes.
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Die Kreuzkapelle bei Frammersbach |
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Die Verknüpfung historischer und archäologischer Forschungen mit der Erarbeitung von Kulturrundwegen zeigt bei diesen beiden Beispielen fruchtbare Ergebnisse. Einerseits erwachsen aus diesem Prozess die nötigen Mittel, um Prospektionen zu finanzieren. Andererseits erbringt das aktive Eingreifen der Bevölkerung unter Leitung des ASP Manpower, um die nötige Logistik ehrenamtlich abzuwickeln. Gerade in Haibach wurde dies deutlich, als die Rekonstruktion und Sanierung der Brunnenstube der Aschaffenburger Schlosswasserleitung durch den Heimat- und Geschichtsverein Haibach-Grünmorsbach-Dörrmorsbach (HGV) anstand. Dies ist ein Beispiel für außergewöhnliche Leistungen, die von Geschichtsvereinen erbracht werden können: Gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, dem Verein zur Erhaltung und Pflege der Kulturdenkmale im Landkreis Aschaffenburg und einer langen Reihe von Sponsoren und Helfern vor Ort hat der HGV dieses nahe bei Haibach gelegene Objekt gerettet, das beinahe zur Gänze verschüttet war. Die Brunnenstube wurde 1525 im Auftrag des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg errichtet und diente zur Wasserversorgung der erzbischöflichen Burg in Aschaffenburg. Mit dem Bau des Aschaffenburger Schlosses 1605 bis 1614 wurde die Leitung erweitert. Sie lieferte später auch Wasser an die Hofgemüsegärten und andere Einrichtungen in der Stadt. Die Brunnenstube ist eines der bedeutendsten frühneuzeitlichen technikgeschichtlichen Denkmäler in Bayern. Im Verlauf von zwei Jahren erbrachten die Mitglieder des HGV über 1.000 Stunden freiwillige Arbeitsleistung, über 27.000 Euro konnten zusammengetragen werden. Von den Einzelmaßnahmen seien als Beispiele das Ersetzen fehlender Steinplatten, die Erneuerung des Türgewändes sowie die Neueinrichtung der Wasserführung zu nennen. Zuletzt wurde eine neue Ausstellungsnische geschaffen, in der unter anderem Rohrleitungsstücke ausgestellt werden.
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Die Haibacher Brunnenstube vor (1999) ...... und nach (2002) ihrer Wiederherstellung |
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Die Ausführungen machen deutlich, dass das ASP einen nachhaltigen Prozess angestoßen hat, der die lokale Identität stärkt und die Akzeptanz wissenschaftlicher Forschung auf regionaler Ebene fördert. Letztlich entsteht somit im Spessart ein Netz von „Forschungsstationen“, das insgesamt gesehen, die Kulturlandschaft aufarbeiten und das Gesamtbild des Spessarts verändern kann. Künftigen Forschungsvorhaben der Landesämter und der Universitäten kann auf diese Weise der Boden bereitet werden, da knappe Forschungsgelder für die wissenschaftliche Bearbeitung gebündelt werden und Gemeinden eher zu ihrer Unterstützung bereit sind. Die Verbindung wissenschaftlicher Arbeit mit überregionalen Forschungseinrichtungen, regionalen Gebietskörperschaften, lokalen historischen Vereinen und der heimischen Wirtschaft schafft die Operationsbasis für die Erforschung und Erschließung des Spessarts. Der Spessart ist bereit, aus dem „Windschatten der Wissenschaft“ herauszutreten und die Segel zu setzen für eine Zukunft als Standort universitärer Forschung. Nachdem die Position des Projektleiters aus der ABM in ein zunächst bis 2004 befristetes festes Arbeitsverhältnis überführt werden konnte, sind die Planungen für eine weitere Vernetzung der Region vorangeschritten. Die Zusammenarbeit mit dem bayerischen und mit dem hessischen Naturpark Spessart wurde verstärkt, Spessartbund sowie die regionalen Tourismusverbände angesprochen. Ziel der Bemühungen des ASP ist es, eine „Europäische Kulturlandschaft Spessart“ zu erreichen. In ihr soll Forschung über die Region gebündelt und gezielt vermittelt werden. Daraus kann die alteingesessene Bevölkerung ebenso wie neu Zugezogene Material zu einer tieferen Identifikation mit ihrer Geschichte gewinnen. So wird die Basis gelegt für ein Selbstbewusstsein, aus dem sich der Tourismus nährt und der den Spessart attraktiv für den Naherhohlungsraum Frankfurt macht. Zusätzlich können – über das EU-Projekt – neue Besucher aus anderen Regionen Europas herangeführt werden. Der Weg ist beschritten, den Spessart einem breiten Publikum als Kulturlandschaft nahezubringen. Wenn das Echo der Öffentlichkeit einen so starken Widerhall hat wie das der Alphörner, werden wir uns um den Spessart keine Sorgen machen müssen. 1 Krimm, Stefan: Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Glashütten im Spessart (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg 18,1), Aschaffenburg 1982; Kampfmann, Gerhard; Krimm Stefan: Verkehrsgeographie und Standorttypologie der Glashütten im Spessart (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg 18,2), Aschaffenburg 1988. 2 Mollenhauer, Dieter: Spessart – Modell für die Mittelgebirgsforschung, in: Spessart 8/ 2001, S. 3-6. 3 Spessart. Bilanz einer Kulturlandschaft : Dokumentation des bayerisch-hessischen Spessart-Projektes 1995. Hrsg. vom Projekt-Büro Spessart: Horst Günther, Walter Prigge, Antje Tietje, Main-Kinzig-Kreis, Bad Orb 1996. 4 Ermischer, Gerhard: Das Archäologische Spessartprojekt, in: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken 1998 (Mainfränkische Studien 63), S. 236ff; ders.: Der Spessart als Kulturlandschaft – Das Archäologische Spessartprojekt, in: Das Archäologische Jahr in Bayern, Stuttgart 1999, S. 153-155. Die Internet-Homepage des ASP ist zu finden unter www.spessartprojekt.de. 5 Ermischer, Gerhard: Final Report, German Partner Project, Conference in Odense, Odense City Museums, 2000, S. 51-66 (Skrifter fra Odense Bys Museer 7/2000). 6 Das im Förderprogramm CULTURE 2000 der Europäischen
Union geförderte Projekt „Pathways to Cultural
Landscapes“ (PCL) hat sich die Vermittlung von Kulturlandschaften
zum Ziel gesetzt. Es umfasst zwölf Partner in zehn
Ländern Europas: Dänemark, Deutschland, England,
Estland, Finnland, Irland, Italien, Schweden, Tschechische
Republik und Wales. Projektkoordinator in Lohr ist Harald
Rosmanitz. Die Homepage von PCL erreichen Sie unter www.pcl-eu.de. Vgl. dazu Ermischer,
Gerhard: Spessart goes Europe. The historic landscape 7 Der Ausdruck "holistisch" ist aus dem griechischen holos (ganz) abgeleitet. Er bezieht sich auf ein Verständnis der Wirklichkeit als bestehend in integrierten Ganzheiten, deren Eigenschaften nicht auf solche kleinerer Einheiten reduziert werden können. 8 Parallel zum Spessart-Kongress entstand die Habilitation von Stefan Zerbe: Die Wald- und Forstgesellschaften des Spessarts mit Vorschlägen zu deren zukünftigen Entwicklung (Mitteilungen des naturwissenschaftlichen Museums in Aschaffenburg 19), Aschaffenburg 1999. In Zusammenarbeit mit dem geographischen Institut der Universität Würzburg entstand eine Diplomarbeit über die Wiesenbewässerung von Hahn, Monika: Wässerwiesen im Spessart – Traditionelle Kulturlandschaftselemente und ihre aktuelle Bedeutung (2000, unveröffentlicht). 9 Unter der Leitung des Kreisarchäologen des Main-Kinzig-Kreises und 2. Vorsitzenden des ASP, Hans-Otto Schmitt, werden seit 1998 in Hasselroth-Neuenhaßlau Grabungen durchgeführt. Mit Unterstützung des Landes Hessen wurde Ende 1999 in Biebergemünd-Kassel der Ringwall „Alteburg“ geophysikalisch prospektiert. In Zusammenarbeit mit der Kommission für Archäologische Landesforschung des Landes Hessen erfolgte im Jahr 2000 eine Grabung im Ortskern von Bad Orb; dazu: Schmitt, Hans-Otto: Becherzeitliche und bronzezeitliche Siedlungen im Gebiet der unteren Kinzig, Main-Kinzig-Kreis, in: Svend Hansen, Volker Pingel (Hrsg.): Archäologie in Hessen. Neue Funde und Befunde. Festschrift für Fritz-Rudolf Herrmann zum 65. Geburtstag (Internationale Archäologie / Studia honoraria 13), Rahden/Westfalen 2001; Gröninger, Ralf (mit einem Beitrag von Erwin Hahn): Vorbericht zur archäologischen Ausgrabung Bad-Orb-Pfarrgasse (Main-Kinzig-Kreis), in: Berichte der Kommission für archäologische Landesforschung in Hessen 6, 2000/2001, S. 181-201; Posselt & Zickgraf Prospektionen GbR, Bericht über die geophysikalische Prospektion auf der Alteburg bei Biebergemünd-Kassel (Main-Kinzig-Kreis) Dezember 1999, Marburg/Lahn 01.12. 2001 (unveröffentlicht). 10 Zur archäologischen Sammlungs- und Grabungstätigkeit Elmar von Haxthausens im Spessart, vgl. Beitragsreihe in: Spessart 2/1906 ff. 11 So geschehen im Vorfeld und während der Ausstellung des ASP „Fundort unbekannt“ über Raubgrabungen im Spessart, die in Zusammenarbeit mit dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege in Miltenberg im April 2001 stattfand. 12 Einen ersten Eindruck der Ergebnisse erlaubte eine Übersichts-Präsentation bei der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a. Main. 13 Westphal, Thorsten: Dendrochronologie zur Klimageschichte des Spessarts, in: Der Spessart 6/2001. 14 Schreiber, Oliver: Ringwall – Burgstall – Motte. Die Erforschung der Ketzelburg bei Haibach durch das Archäologische Spessart-Projekt als Beispiel für die kulturhistorische Erschließung des Spessarts, Facharbeit am Kronberg-Gymnasium Aschaffenburg im Fach Geschichte, Februar 2001 (unveröffentlicht). 15 Körbel, Tobias: Die Kreuzkapelle bei Frammersbach – Die Geschichte eines Bauwerkes zwischen Legenden und Fakten, Facharbeit am Kronberg-Gymnasium Aschaffenburg im Fach Geschichte, Februar 2001 (unveröffentlicht). |
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