8000 Jahre Kulturlandschaft Spessart – Das Netzwerk „Archäologisches Spessartprojekt“*

von Gerhard Ermischer und Gerrit Himmelsbach

Der Spessart als Kulturlandschaft - widerspricht diese Vorstellung nicht dem gängigen Klischee einer Waldlandschaft, die als urtümlich, natürlich und vom Menschen weitgehend unberührt gesehen wird? Ein Klischee, das gleich in drei besonders einflussreichen Werken der deutschen Literaturgeschichte gepflegt wird: dem mittelalterlichen Nibelungenlied, dem Simplicissimus und dem Wirtshaus im Spessart. Doch wird etwas wahr, nur weil es oft genug wiederholt wird? Wilhelm Hauffs romantische Räuberpistole "Das Wirtshaus im Spessart" ist, was den Spessart angeht, das vielleicht wirkungsvollste Werk, nicht zuletzt dank der nicht minder romantischen Verfilmung mit Liselotte Pulver, die das Bild vom Spessart geprägt und verfestigt hat: Der Spessart ist ein Wald ist ein Wald ist ein Wald - und darin bestenfalls ein paar Glashütten und eine Menge Räuber.

 

Eröffnung des Kulturrundwegs in Flörsbachtal-Lohrhaupten im Oktober 2001

 

Dass im Spessart das Potenzial von 8000 Jahren Geschichte schlummert, belegten die Ergebnisse des Spessartkongresses, der 1995 in Bad Orb stattfand [01]. Daraus ging das Archäologische Spessart-Projekt (ASP) hervor, dessen Aufgabe es ist, die Kulturlandschaft Spessart zu erforschen und zu erschließen. Ein Erschwernis bei der Lösung dieser Aufgabe ist die Aufteilung des Spessarts in einen Bayerischen (75 %) und einen Hessischen (25 %) Teil. Der gesamte Naturraum kann nur durch eine länderübergreifende Zusammenarbeit erschlossen werden. Dazu wurden z.B. Kooperationen mit Universitäten eingegangen. Das Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie der Universität Würzburg war bei der Aufarbeitung archäologischer Befunde aus der Zeit ab 5.000 v. Chr. tätig. Die Epoche des Mittelalters arbeitet das ASP gemeinsam mit dem Institut für Geschichte sowie mit dem Institut für geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz auf. Das Institut für Ökologie der TU Berlin betreibt im Spessart Pollenanalytik. Besonders eng ist die Zusammenarbeit des ASP mit dem Forschungsinstitut Senckenberg in der Außenstelle „Lochmühle“ in Biebergemünd-Bieber. Dort arbeitet der Geograph Jürgen Jung mittels des Spessart-GIS (Geo-Informations-Systems) am Zusammenspiel der Altertums- und Geschichtswissenschaften mit den Naturwissenschaften. Die vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten wissenschaftlicher Ergebnisse, z. B. der Archäologie und der Vegetationskunde, lassen aufgrund der revolutionären computertechnischen Möglichkeiten ein neues und aufschlussreiches Verständnis der Landschaftsentwicklung entstehen. Die begleitende Behörde bei der archäologischen Erschließung des Spessarts ist die Außenstelle Würzburg des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Der ständige Kontakt dorthin in Verbindung mit den Museen der Stadt Aschaffenburg ermöglicht einen unkomplizierten Informationsaustausch ebenso wie die Zusammenarbeit auf dem sensiblen Feld der Prävention von Raubgrabungen [02].

Der spezielle Weg, der vom ASP im Spessart eingeschlagen wurde, führt über die Einbettung der hiesigen Aktivitäten in Förderprojekte der Europäischen Union. Das EU-Projekt „European Cultural Paths“ (ECP) unterstützte zwischen 1998 und 2000 das ASP finanziell. Weit stärker wirkte es jedoch durch sein Prestige, das den bis dahin in der Region wenig bekannten Verein in eine Position hob, die den Zuschlag von Fördermitteln in erhöhtem Maße erbrachte. Das in der Fortsetzung im Jahr 2000 aus der Taufe gehobene EU-Projekt „Pathways to Cultural Landscapes“ (PCL) wird von Lohr aus koordiniert und trägt erheblich zur Schärfung des Kulturlandschaftprofils der Region in der Europäischen Union bei [03]. Da innerhalb der EU-Projekte der Aspekt der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte im Vordergrund steht, unterteilt sich die Arbeit des ASP in die zwei Bereiche Forschung und Vermittlung. Der Aspekt der Weitergabe wissenschaftlicher Ergebnisse an die Bevölkerung durch Internet, Ausstellungen, und das in Deutschland innerhalb von ECP entwickelte, einzigartige Netz der Europäischen Kulturrundwege ist die Basis für eine breite Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit durch Verwaltung, Wirtschaft, Vereine und kulturelle Organisationen der Region.

 

Das Projekt "Kunstrasen" führte im Jahre 2000 zum Dialog zwischen Moderne und Tradition

 

Einer dieser Kulturrundwege wurde im April 2002 in Haibach bei Aschaffenburg eröffnet. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde am Kronberg-Gymnasium in Aschaffenburg unter Anleitung des ASP eine Facharbeit erstellt, in der die Ringwallanlage „Ketzelburg“ interdisziplinär untersucht wurde [04]. Ihre Überreste fallen nach drei Seiten steil ins Tal ab. Der Durchmesser des Plateaus beträgt 50 bis 35 Meter. Es wird von einem bis zu 7 Meter tiefen und 7 Meter breiten Graben umschlossen, dem ein 5 Meter breiter Wall vorgelagert ist. Obwohl sich die Strukturen deutlich abheben, konnten bisher keine historischen Zeugnisse zur Erklärung von Form, Größe oder Lage der Anlage sowie zum Entstehungsgrund und –zeitpunkt ermittelt werden. Da auch archäologische Untersuchungen fehlen, entwickelten Heimatkundler die verschiedensten Spekulationen und kontroversen Ansichten. Die Deutungen reichten vom einfachen Hohlweg durch den Spessart, über eine Schwedenschanze bis hin zur „keltischen“ Höhenfestung. Diese Vorbedingungen, nämlich der geringe historisch-archäologische Wissensstand gepaart mit dem Engagement von Geschichtsverein und Gemeinde, bewogen das ASP dazu, in Haibach eine geophysikalische Prospektion durchführen zu lassen, die eine genaue, in zwei Phasen differenzierte elektromagnetische Kartierung des Untergrunds ermöglichte. Die Interpretation der Ergebnisse wies auf die Überreste eines fast quadratisch angelegten Bereiches von 8 mal 10 Metern Grundfläche hin, der durch Fundamente oder stark verdichteten Boden verursacht wurde. Das ASP geht davon aus, dass es sich hierbei um die Reste eines mittelalterlichen Burgstalls handelt, genauer um eine Motte mit Steinturm. Vergleiche mit ähnlichen Objekten ließen Rückschlüsse auf den Zweck und die Entstehungszeit des Haibacher Burgstalls im Hochmittelalter zu. Für diesen Zeitpunkt liegt im Untersuchungsraum eine urkundliche Quelle vor, die einen Hinweis auf in dieser Zeit in der Region vorgenommene Befestigungsbauten gibt. Aufgrund dessen gehen wir heute von einer hochmittelalterlichen Bebauung der Motte aus, die weniger als 100 Jahre angehalten haben dürfte und später nicht mehr überbaut wurde. Das Burggebäude dürfte in einem steinernen Wohnturm bestanden haben, umgeben mit Holzpalisaden, Wall und Graben. Durch die Untersuchungen hat die Ketzelburg, die bis dahin nur als Bodendenkmal - und in der Haibacher Legendenbildung - vorhanden war, nun eine historische Dimension erhalten. Die Forschungen werden weiter gemeinsam mit dem HGV vorangetrieben.

 

Die Brunnenstube in Haibach vor und nach ihrere Freilegung

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Am entgegengesetzten Ende des Kulturrundweges befindet sich ein Beispiel für außergewöhnliche Leistungen, die von Geschichtsvereinen erbracht werden können: die Rekonstruktion und Sanierung der Brunnenstube der Aschaffenburger Schlosswasserleitung durch den Heimat- und Geschichtsverein Haibach-Grünmorsbach-Dörrmorsbach (HGV). Gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, dem Verein zur Erhaltung und Pflege der Kulturdenkmale im Landkreis Aschaffenburg und einer langen Reihe von Sponsoren und Helfern vor Ort hat der HGV dieses nahe bei Haibach gelegene Objekt gerettet, das beinahe zur Gänze verschüttet war. Die Brunnenstube wurde 1525 im Auftrag des Mainzer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg errichtet und diente zur Wasserversorgung der erzbischöflichen Burg in Aschaffenburg. Mit dem Bau des Aschaffenburger Schlosses 1605 bis 1614 wurde die Leitung erweitert. Sie lieferte später auch Wasser an die Hofgemüsegärten und andere Einrichtungen in der Stadt. Die Brunnenstube ist eines der bedeutendsten frühneuzeitlichen technikgeschichtlichen Denkmäler in Bayern.

Im Verlauf von zwei Jahren erbrachten die Mitglieder des HGV über 1.000 Stunden freiwillige Arbeitsleistung, über 27.000 Euro konnten zusammengetragen werden. Von den Einzelmaßnahmen seien als Beispiele das Ersetzen fehlender Steinplatten, die Erneuerung des Türgewändes sowie die Neueinrichtung der Wasserführung zu nennen. Zuletzt wurde eine neue Ausstellungsnische geschaffen, in der unter anderem Rohrleitungsstücke ausgestellt werden.

Die Ketzelburg und die Brunnenstube sind die wichtigsten Eckpunkte des Europäischen Kulturrundweges, der gemeinsam mit dem HGV in Haibach eingerichtet wurde, um diese besonderen Punkte in der Kulturlandschaft Spessart der einheimischen Bevölkerung und dem Besucher nahe zu bringen.

 

Europäische Perspektiven: Das Projektteam von PCL bei einem Besuch im Trentin

 

Wie am Anfang dieser Ausführungen dargelegt, hat der Spessart ein Imageproblem. Gerade das europäische Partnerprojekt hat dazu beigetragen, das nicht mehr zeitgemäße Image des Spessart nach Innen und Außen aufzubrechen. „European Pathways to Cultural Landscapes“ hat dem ASP jene Aufmerksamkeit beschert, durch die sich ein Wandel des Spessartbildes in der Forschung wie in der Öffentlichkeitswahrnehmung einleiten ließ. Die wachsende Zahl von Kooperationen mit Universitäten, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kulturinstitutionen beweist dieses steigende Interesse am Spessart. Dabei kann der Spessart und seine Bevölkerung heute von einem Trend profitieren, der die bisher vernachlässigten Mittelgebirge in ein neues Licht rückt.

Spessart goes Europe – gehen Sie mit.

 


 

Anmerkungen:

* Ergänzte und überarbeitete Fassung eines Aufsatzes in "Schöne Heimat. Erbe und Auftrag 91 (2002), 219-220".

[01] Spessart. Bilanz einer Kulturlandschaft : Dokumentation des bayerisch-hessischen Spessart-Projektes 1995. Hrsg. vom Projekt-Büro Spessart Horst Günther, Walter Prigge, Antje Tietje, Main-Kinzig-Kreis, Bad Orb 1996. Parallel dazu geht ein Aufschwung der Mittelgebirgsforschung, die im Spessart 1969 mit der Eröffnung der Forschungsstation Senckenberg an der bayerischen Grenze in Biebergemünd-Bieber im Bereich der Biodiversitätsfor­schung begann und Hand in Hand mit dem ASP seine Fortsetzung findet. Vgl. Mollenhauer, Dieter: Spessart – Modell für die Mittelgebirgsforschung, in: Spessart 8/ 2001, S. 3-6; Ermischer, Gerhard: Das Archäologische Spessartprojekt, in: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken 1998 (Mainfränkische Studien 63), S. 236ff; ders.: Der Spessart als Kulturlandschaft – Das Archäologische Spessartprojekt, in: Das Archäologische Jahr in Bayern, Stuttgart 1999, S. 153-155.

[02] So geschehen im Vorfeld und während der Ausstellung des ASP „Fundort unbekannt“ über Raubgrabungen im Spessart, die in Zusammenarbeit mit dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege in Miltenberg im April 2001 stattfand.

[03] Das im Förderprogramm CULTURE 2000 der Europäischen Union geförderte Projekt „Pathways to Cultural Landscapes“ (PCL) hat sich die Vermittlung von Kulturlandschaften zum Ziel gesetzt. Es umfasst zwölf Partner in zehn Ländern Europas: Dänemark, Deutschland, England, Estland, Finnland, Irland, Italien, Schweden, Tschechische Republik und Wales. Projektkoordinator mit Sitz in Lohr ist Harald Rosmanitz. Die Homepage von PCL erreichen Sie unter www.pcl-eu.de.

[04] Schreiber, Oliver: Ringwall – Burgstall – Motte. Die Erforschung der Ketzelburg bei Haibach durch das Archäologische Spessart-Projekt als Beispiel für die kulturhistorische Erschließung des Spessarts, Facharbeit am Kronberg-Gymnasium Aschaffenburg im Fach Geschichte, Februar 2001 (unveröffentlicht).