Recht & Ordnung


Das Sechserbuch, eine einzigartige Schriftquelle zum Alltag im Spessart in der Neuzeit, wird heute im Fuhrmann- und Schneidereimuseum in Frammersbach aufbewahrt.

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Das Archiv der Marktgemeinde Frammersbach beherbergt eine frühneuzeitliche Papierhandschrift von 304 Seiten: das zwischen 1572 bis 1764 entstandene Sechserbuch. Es enthält eine Serie von Protokollen, die sich ausschließlich mit den Entscheidungen der Sechser beschäftigen - ein Gremium von sechs geschworenen Landleitern, Feldmessern oder Steinsetzern. Die Frammersbacher Sechser waren eng in das dörfliche Rechtswesen eingebunden. Sie besaßen weitgehende Zuständigkeit in allen Streitfällen, die mit Gemarkungen zu tun hatten. Dies betrifft sowohl unterschiedliche Auffassungen über den Grenzverlauf zwischen den Häusern, Hofstätten, Äckern, Wiesen und Gärten der einzelnen Dorfbewohner sowie der Rechten und Pflichten, die daraus hervorgehen.

Dazwischen geben uns zwei umfangreiche Niederschriften von „Landleitungen“ aus den Jahren 1604 und 1703 ein nahezu vollständiges und fast zentimetergenaues Bild der Gemeinde, der Einwohner, Grundbesitzer, der dörflichen Topographie und der verschiedenen Einrichtungen.

Das Frammersbacher Sechserbuch ist eine aussagekräftige und vergleichsweise rare Quelle. Es erwuchs aus dem Versuch, genossenschaftliche Formen des Rechtwesens in dauerhafte schriftlich zu fixieren.

Die zahlreichen Protokolle von Rechtsstreitigkeiten in Gemarkungsfragen bieten ein eindrucksvolles Bild eines Gremiums, das zwischen den beiden Polen des unabhängigen dörflichen Gerichtswesens und dem drängenden herrschaftlichen Zugriff, zwischen Streitparteien, Dorfgemeinde, Gericht, Bürgermeister und Schultheiß seine Rolle als Friedensstifter und Grenzhüter wahrnahm.

Das Regiment der Sechser war streng, wenn es um die Sachfragen ging. Um so sensibler nahmen sie aber ihr Amt an den Punkten war, an denen sie Spielräume besaßen. Besonders die Verteilung der Verfahrenskosten und eventuell auszusprechende Strafen nutzten sie, um einerseits disziplinarisch zu wirken, andererseits um die Streitparteien wieder dauerhaft miteinander auszusöhnen.

Das enge Zusammenleben in der dörflichen Gemeinschaft schuf eine hohe soziale Dichte und eine strenge Sozialkontrolle. Niemand, der auch nur einige Zentimeter vom gestatteten Weg abwich, konnte unbeobachtet bleiben. Konflikte waren vorprogrammiert. Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Sechser mit ihren vergleichsweise beschränkten Einflussmöglichkeiten immer wieder für Einhaltung von Vorschriften und für sozialen Ausgleich sorgten.


Aus den Umständen der Fälle geht ein großer Detailreichtum an alltags- und sozialgeschichtlichen Informationen hervor. Das Namensmaterial gestattet systematische Überblicke über die großen, meist bis heute kontinuierlich fortbestehenden Familienverbände.

Eine “dörfliche Aristokratie”', gekennzeichnet durch Umfang und Tradition der Familie, Zugang zu den kommunalen Ämtern und breiten Besitz hebt sich deutlich von kleineren, oft nicht kontinuierlichen Familien ab.

Das Sechserbuch widerlegt deutlich unsere romantisch verklärte Vorstellung vom freien und ungebundenen Landleben in der frühen Neuzeit. Dies beginnt schon mit der Flur. Die Eingriffe in die Natur sind enorm. Schon mit den Anfängen des Sechserbuches tritt uns nicht natürliche Umwelt, sondern eine von Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft entgegen. Ein Bewässerungssystem durchzieht die Wiesen. Die Bäche haben keinen freien Lauf, sondern sind ebenfalls in ein streng bemessenes und kontrolliertes, künstlich aufrechterhaltenes Bett gezwängt.

Die natürlichen Ressourcen sind knapp und so wird jedes Fleckchen intensiv genutzt. Selbst um kleinste Einheiten, die kaum messbaren Gewinn abwerfen, wird gestritten. Dies betrifft auch das Wasser, dessen Fluch und Segen regelmäßig Gegenstand der Auseinandersetzungen ist. Von Überschwemmungen sind alle betroffen, aber an den Sechsern liegt es, den kleineren Kreis der Bachanwohner regelmäßig zur Hochwasservorsorge anzuhalten. Bei der Nutzung des Wassers muss ständig ein Ausgleich gefunden werden zwischen denen, die die knappe Menge untereinander für das Wässern der Wiesen aufteilen müssen und den Müllern, die auf das Wasser als einzige Energiequelle angewiesen sind.

Mit dem Sechserbuch tritt uns eine Spessartgemeinde mit all ihren Sorgen und Nöten entgegen, die uns in vielen Bereichen auch heute nicht fremd sind.

Weiterführende Literatur:
Rainer Leng, Das Frammersbacher Sechserbuch. Eine Untersuchung zum Rechtswesen einer frühneuzeitlichen Spessartgemeinde, masch. Manuskript, Würzburg 2004.


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