Von Drachen und Einhörnern


Die Fragmente aus den Schloss von Wiesen stammen von einer Ofenkachel, die gegen 1390 im hessischen Dieburg gefertigt wurde.

Der Fund einer Ofenkachel ist für sich genommen nichts Spektakuläres, kommen doch bei vielen Baumaßnahmen Reste von mehr oder weniger aufwendig verzierten Öfen zu Tage. So fanden sich entsprechende Stücke auch bei Sanierungsmaßnahmen im ehemaligen kurmainzischen Schloss in Wiesen.

Die Wiesener Nischenkachel besteht aus einem keramischen Halbzylinder. An seiner Vorderseite ist ein modelgepresstes Vorsatzblatt angarniert. Es trägt in gotischen Minuskeln die Beschriftung „Jesus Maria“. Unter dem Schriftzug sind zwei Tiere zu erkennen. Ein Hirsch steht für das Friedensreich von Jesus Christus und ein Einhorn für die Jungfrau Maria.

Die gotischen Minuskeln finden ihre Entsprechungen in Kacheln aus der Abtei Seligenstadt, die dort um 1400 in Öfen eingebaut waren. Das Motiv von Hirsch und Einhorn kennen wir wiederum von süddeutschen Wismutkästchen und Wandbehängen, die ebenfalls an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert entstanden. Aufgrund der verwendeten, hell brennenden Keramik sowie mit Hilfe weiterer Details kann die Kachel den in jener Zeit im hessischen Dieburg tätigen Töpfereien zugewiesen werden.



Für das kleine Spessartdorf Wiesen haben sich aufgrund der Kachelfragmente und den daran anschließenden baubegleitenden Untersuchungen durch das Archäologische Spessartprojekt völlig neue Aspekte für die Ortsgeschichte ergeben.

Die Ofenkacheln von außergewöhnlicher Qualität, die um 1400 in Dieburg hergestellt wurden, sind den inzwischen freigelegten Fundamenten eines Vorgängerbaus zuzuweisen, bei dem es sich bereits um ein repräsentatives Gebäude aus Stein handelte. Ein Brand, der seine Spuren auch auf der Oberfläche der Ofenkachel hinterlassen hat, lässt darauf schließen, dass diese Herrlichkeit recht abrupt ihr Ende fand.

Warum aber sollte ein heute eher abseits liegendes Dorf wie Wiesen einst eine solche Bedeutung gehabt haben, dass sich sein Hausherr aus dem mehrere Tagesreisen entfernten Dieburg eigens einen Kachelofen und dann auch gleich noch den „Mercedes der Kachlöfen“ anliefern ließ?

Die Grafen von Rieneck dürften von Wiesen aus die Birkenhainer Strasse, eine überregionale Verkehrsverbindung, kontrolliert haben. Wiesen hatte also früher eine verkehrstechnisch wichtige Lage, die im Anschluss unter Mainzer Herrschaft immer noch wichtig genug war, um ein Schloss zu errichten.


Ein weiterer, für alle überraschender Bezug zu den Rieneckern fand sich in Form einer modelgleichen Kachel aus der Burg Wildenstein bei Eschau. Zwar sind uns zahlreiche Details aus der Gründungszeit dieser Anlage im Spannungsfeld der Grafen von Rieneck und des Erzbischofs von Mainz aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bekannt.

Das dort geborgene Fundmaterial belegt jedoch, dass die Blütezeit der Anlage fast eineinhalb Jahrhunderte später anzusetzen ist. In jener Zeit war es schick, sich mit teueren Öfen aus Dieburg auszustatten.

Es wird wohl nie herauszufinden sein, ob in diesem Spiel die Wiesener oder die Wildensteiner die Trendsetter waren.