Der Spessart ist ein dicht bewaldetes Mittelgebirge im Herzen Deutschlands. Wie viele Mittelgebirge hat es im 19. und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine Periode tiefer Armut erlebt. Dies hat das Image des Spessart geprägt, das von Armut, Wald und den berühmten Spessarträubern bestimmt wird, die durch Wilhelm Hauffs Märchen „Das Wirtshaus im Spessart“ und den gleichnamigen Film aus den 50er Jahren populär wurden. Dieses Bild hat sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt, dass es von Einheimischen wie Touristen gleichermaßen geteilt wird. Der Unterschied liegt lediglich in der Bewertung des Images. Während es für die Touristen dem romantischen Klischee einer natürlichen Landschaft voll abenteuerlicher Geschichte(n) entspricht, fühlen viele Einheimische das Image der Armut als negativ, um so mehr in unserer vornehmlich am Wirtschaftswachstum orientierten Gesellschaft, in der sozialer Abstieg und Armut mehr denn je als Makel gilt. Eine dritte Gruppe bilden jene Bewohner des Spessart, die vor allem seit den 1970er Jahren aus den nahe gelegenen urbanen Zentren in den Spessart zugezogen sind, um „im Grünen“ zu leben und ihre Kinder fernab von Sex, Gewalt und Drogen und all den Problemen der Großstadt aufwachsen zu sehen. Heute machen diese „Zugereisten“ und die Folgegeneration etwa die Hälfte der Bevölkerung im Spessart aus. Ihre Sicht auf den Spessart wird von dem positiven „grünen“ Image und dem Traum vom Leben in gesunder, unverfälschter Natur bestimmt, während zum großen Teil das Geldverdienen und Konsumieren nach wie vor in den umliegenden Städten stattfindet.

Der Spessart ist daher für Denkmalschützer wie Landschaftsplaner eine nicht ganz unproblematische Landschaft. Viele alteingesessene Bewohner haben kein positives Gefühl der Verantwortung für ihre Landschaft und wollen möglichst rasch alle Zeugnisse der Vergangenheit loswerden, die nur als Erinnerung an eine Epoche der Armut und Not empfunden werden. Dagegen wollen viele zugezogenen Bewohner den Spessart gar nicht als eine alte Kulturlandschaft wahrnehmen, sondern als ein naturverbundenes Rückzugsgebiet, das sich durch die Zeiten kaum verändert und seine „natürliche Unschuld“ bewahrt hat. Kulturelles Leben findet in der Stadt statt, in der sie arbeiten, ins Theater und Kino gehen, in trendige Bars und schicke Restaurants. Der Spessart dagegen, wohin sie ihren Lebensmittelpunkt verlagert haben, stellt für sie eine „heile“ Gegenwelt dar, geprägt von Natur und Ruhe.

Natürlich ist der Spessart in Wirklichkeit eine Kulturlandschaft, die schon vor etwa acht Jahrtausenden in der Jungsteinzeit von den ersten Bauern aufgesiedelt wurde, und seither von Fernhandelswegen durchzogen und mit seinen natürlichen Ressourcen wie Holz, Salz, Erze und Mineralien einen bedeutenden Wirtschaftsraum darstellte. Diese reiche Vergangenheit wird durch die negativen Entwicklungen der Industrialisierung überdeckt, in der die meisten Mittelgebirgsregionen Europas zu den Verlierern zählten. Die vielen, aber nie sehr bedeutenden Rohstoffvorkommen hatten durch Jahrtausende eine lokale und regionale Wirtschaftsstruktur getragen, die jedoch mit den modernen Industriezentren nicht mithalten konnte, wo Produkte hoher Qualität besser und weit billiger produziert werden konnten. Dank neuer Transportmittel ließen sich diese Massenprodukte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den Industriezentren vergleichsweise kostengünstig in die entlegensten Gegenden bringen, wo sie die lokale Produktion vollends zum erliegen brachten. Im Kleinen spielte sich hier eine Globalisierung ab, wie wir sie heute in weltweitem Maßstab tagtäglich am eigenen Leib erfahren.

Der Spessart wurde zu einer Randregion im negativen Sinne des Wortes. Ihr Stigma gipfelte in der weithin bekannten Studie Rudolf Virchows zur Armut im Spessart. Diese Untersuchung dominierte das Bild dieser Landschaft so erfolgreich, dass selbst viele Historiker und Archäologen den Spessart aus dem einfachen Grund links liegen ließen, weil doch jeder wusste, wie wenig diese Region am Ende des 19. Jahrhunderts zu bieten hatte.

Die systematische Wiederaufforstung seit dem 18. Jahrhundert führte zu einer Landschaft, die weitgehend bewaldet ist. Da der Wald als idealer Schutz auch für das kulturelle und archäologische Erbe galt, wurde der Spessart auch von der Denkmalpflege kaum beachtet, die ihre geringen Mittel für wesentlich dringendere Vorhaben in den Zentren urbaner und industrieller Entwicklung einsetzen musste. Daher ist das kulturelle Erbe im Spessart in Zeiten einer zunehmenden Industrialisierung und Rationalisierung auch der Forstwirtschaft besonders gefährdet, da es nur unzureichend erforscht wurde und daher auch kaum behördlich geschützt werden kann.

Natürlich war der Spessart formal gesehen immer eine Randlandschaft, da er am Rande des Rhein-Main-Gebiets liegt, einem der wichtigsten Zentren der Wirtschafts- und Finanzwelt in Deutschland. Der Spessart wurde immer von Außen dominiert - von Entwicklungen, auf die die Menschen im Spessart kaum Einfluss nehmen, sondern auf die sie lediglich reagieren konnten. So war die bedeutende Glasproduktion im Spessart abhängig vom holländischen Markt und jede Veränderung des Konsumentenverhaltens in den Niederlanden wirkte sich direkt auf die Produzenten im Spessart aus. Die wirtschaftliche Entwicklung wurde vom Geld der Frankfurter Banker und Kaufleute bestimmt. Als der Mainzer Erzbischof als Landesherr an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert entsprechend moderner Wirtschafts- und Staatstheorien beschlossen, zu Gunsten einer staatlichen Produktion die privaten Glasproduzenten zu dezimieren, so war dies das Ende der privaten Glashütten. Die Frammersbacher Fuhrleute profitierten von der Verlegung bedeutender europäischer Handelsrouten im Gefolge der Hussitenkriege, die Böhmen verwüsteten und die alten Handelswege unpassierbar machten. Obwohl die Frammersbacher Fuhrleute wohlhabend wurden und sogar ihr eigenes Zunfthaus in Antwerpen unterhielten, blieben sie doch stets abhängig von den großen Zünften in Nürnberg und den großen Handelsdynastien, wie den Fuggern in Augsburg. Als neue Technologien die Pferdefuhrwerke ablösten verloren sie ihr Geschäft an die Eisenbahn und Flussschifffahrt.

Diese Randlage bedeutet jedoch nicht, dass der Spessart nicht auch Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und relativen Wohlstandes erlebte. Steuerlisten der Mainzer Erzbischöfe aus dem 16. Jahrhundert führen eine Reihe von Spessartdörfern unter den reichsten Gemeinden des Erzstiftes Mainz auf. Im Hochmittelalter konnten Adelsfamilien der Region, wie die Grafen von Rieneck oder die Herren von Düren, die besten Dichter ihrer Zeit, etwa Wolfram von Eschenbach oder Konrad von Würzburg, engagieren, um die eigene Familie zu verherrlichen. Der Spessart ist voller Überreste einer reichen und vielgestaltigen Vergangenheit, mit all ihren Höhen und Tiefen, doch dominiert die jüngste Schicht der Armut im Spessart die Wahrnehmung dieser Landschaft sowohl in der Innen- als auch der Außensicht. Moderne Verwaltungsstrukturen haben zu keiner Trendwende geführt. Der Spessart gehört zu den entlegensten Regionen zweier deutscher Bundesländer: Bayern und Hessen. Dank der streng föderalen Strukturen in Deutschland erweist sich diese Grenze als sehr hinderlich. Schlimmer noch wirkt sich vielleicht die Teilung des Spessarts in gleich fünf Verwaltungsbezirke aus, von denen nicht ein einziger ein reiner Spessartkreis ist.

Dem abzuhelfen und den Spessart wieder als ganzheitliche (Kultur)Landschaft zu sehen und darzustellen hat sich das Archäologische Spessartprojekt seit 1994 zur Aufgabe gemacht.