1. Der Kirschgraben und sein Schwemmfächer im Spessart
Das kastenförmige Tal der Elsava windet sich von Heimbuchenthal zum Höllhammer durch den Buntsandstein-Spessart. Kurz vor dem Erreichen des Höllhammers besitzt das Tal der Elsava eine andere Form: Es ist dort, wo der von Westen kommende Kirschgraben einmündet, schmaler als ober- und unterhalb. Am Westrand der Aue sitzt hier eine Form, die Geomorphologen als Schwemmfächer bezeichnen (Abb. 1). Offenbar ist das meiste Gestein, das bei der Einschneidung des Kirschgrabens in eine kaltzeitliche Delle westlich des Elsavatals abgetragen worden war, nur bis an den Rand der Elsava-Aue transportiert und dort abgelagert worden.
Abb. 1: Der Schwemmfächer des Kirschgrabens am Westrand der Elsava-Aue südlich Heimbuchenthal im Spessart
Wann schnitt sich der Kirschgraben in den Sandstein? Welche klimatischen Bedingungen führten zur Einschneidung? Lösten viele normale Starkniederschläge oder wenige extrem intensive Niederschläge die Entstehung der im Querschnitt V-förmigen Schlucht des Kirschgrabens aus? Hat der Mensch die Einschneidung begünstigt oder stammt die Schlucht mit ihrem Schwemmfächer aus der letzten Kaltzeit, die vor etwa 11.700 Jahren endete?
Schwemmfächer am Rand der Auen kleinerer Flüsse sind weder im Spessart noch in anderen reliefierten mitteleuropäischen Landschaften selten. Warum haben wir den Schwemmfächer des Kirschgrabens für unsere Untersuchungen ausgewählt? Eine Besonderheit gab den Anlass: Ein Pfeifenkopf aus der Zeit um 1820/30 zeigt im Vordergrund das damals im Besitz von Georg Ludwig Rexroth befindliche Eisenwerk des Höllhammers und rechts im Hintergrund am Rand des oben erwähnten Schwemmfächers die Reste eines stattlichen steinernen Gebäudes. Es sind die heute nicht mehr oberflächlich zu erkennenden Relikte der Burg Mole (Abb. 2). Steinerne oder hölzerne Fundamente am Rand eines Schwemmfächers lassen erwarten, dass der Kern des Schwemmfächers nicht durch die Bautätigkeit zerstört wurde und andererseits zumindest die jüngsten Schichten aufgrund der Baubefunde und zahlreicher Funde gut zu datieren sind. Daher begeleiteten wir eine archäologische Grabung, die im Frühjahr und Sommer 2008 an und um die Burg Mole vom Archäologischen Spessartprojekt (01)unter maßgeblicher ideeller, finanzieller und aktiver Unterstützung der Gemeinde Heimbuchenthal durchgeführt wurde.
Abb. 2: Im Schwemmfächer verborgene Mauerreste des Wohnturms der Burg Mole in der Aue der Elsava südlich Heimbuchenthal
2. Wann wurden 650 kg schwere Sandsteine transportiert?
Mit einem größeren Bagger wurden mehrere ausgedehnte Aufschlüsse (Bodengruben) auf dem Schwemmfächer geöffnet (Abb. 3). Außerhalb der Burg Mole besaßen sämtliche Aufschlüsse einen grundsätzlich identischen Grundaufbau:
In den oberen 50 bis 100 cm stand durch organische Substanz graubraun gefärbtes schluffiges Material an (Schluff ist die Korngröße zwischen Ton und Sand mit einem mittleren Durchmesser von 0,002 bis 0,063 mm gemäß DINNorm). Es enthielt zahlreiche, meist wenige Millimeter kleine Holzkohlestücke, die überwiegend auf Meilerplätzen im Einzugsgebiet des Kirschgrabens abgetragen worden waren.
Darunter lag ein sandiger, stellenweise fast zwei Meter mächtiger Grobmaterialkörper. Das Grobmaterial bestand aus eckigen, länglichen Sandsteinen, die an den Rändern des Schwemmfächers vorwiegend 10 bis 50 cm dick waren. Auf dem Kamm des Schwemmfächers und etwas weiter nach Norden besaß der Oberflächenabfluss, der die Steine in der Schlucht ausgerissen und auf den Schwemmfächer transportiert hatte, die größte Energie. Hier führte er kaum fassbar schwere Sandsteine heran: Einer der größeren war etwa 140 cm lang und 650 kg schwer (Abb. 4). Welche für uns heute kaum vorstellbaren Kräfte müssen aufgetreten sein, um einen derart schweren Stein aus dem Gesteinsverbund loszureißen und über viele Zehnermeter oder gar noch weiter zu transportieren? Heute werden in Mitteleuropa (außerhalb der Alpen) durch den Abfluss überaus heftiger Gewitterregen in kleinen Gerinnen Steine mit selten mehr als 30 cm Durchmesser bewegt.
Im unteren Teil des Schwemmfächers wurden Grobsande gefunden, die Bänder mit zahlreichen kleineren Sandsteinen enthielten.
Sandige und lehmige Auensedimente der Elsava unterlagerten den Schwemmfächer.
Abb. 3: Anlage eines Aufschlusses auf dem Schwemmfächer des Kirschgrabens
Die Burg Mole wurde 1438 verlassen. Archäologische und baugeschichtliche Detailuntersuchungen der Burg Mole und des nördlichen Burggrabens durch Harald Rosmanitz, die zahlreiche Funde zutage förderten (darunter mehrere hundert Keramikfragmente), ermöglichten eine recht genaue Einengung der Ablagerungszeit des mächtigen Grobmaterialkörpers im Schwemmfächer in das 14 Jahrhundert.
Abb. 4: Vom Abfluss eines extrem starken Niederschlagsereignisses im 14. Jh. transportierte Sandsteine (geborgen aus einem Grobmaterialkörper im Schwemmfächer des Kirschgrabens am Rand der Aue der Elsava; Länge des Maßstabes: 1 m)
3. War der Spessart im Mittelalter eine waldreiche Landschaft?
Vollzogen sich diese gewaltigen Veränderungen des Kirschgrabens und seines Schwemmfächers im Verlauf des 14. Jahrhunderts in einer vom Wald beherrschten, abgelegenen Mittelgebirgslandschaft? In dem Märchen „Das Wirtshaus im Spessart“ vermittelt Wilhelm Hauff 1828 der breiten Öffentlichkeit einen von Räubern beherrschten, dunklen Spessartwald. Ein knappes viertel Jahrhundert später beschreibt Rudolf Virchow (1852) in einem eindrucksvollen Reisebericht „Die Noth im Spessart“. Im 19. Jahrhundert spiegelte das von Virchow dargestellte Bild vom düsteren Spessart wohl tatsächlich zeitweise und lokal auch die soziale Wirklichkeit wider. Jedoch weisen jüngere Untersuchungen (vgl. die Wirtschaftsgeschichte des Spessart von Gerrit Himmelsbach) und auch unsere Grabungsergebnisse auf einen völlig anderen, waldarmen Spessart im 13. und frühen 14. Jahrhundert. Vor der Ablagerung des mächtigen Grobmaterialkörpers und der auf ihm liegenden schluffigen Schicht bedeckten nicht sehr dicke fruchtbare Böden aus Löß (in den trockenen Phasen vor allem der letzten Kaltzeit vom Wind herantransportierte und auch im Spessart abgelagerte Stäube) den überwiegenden Teil des Einzugsgebietes des Kirschgrabens. Heute sind nur noch in einem kleinen schmalen Gürtel entlang der Wasserscheide um den Heimathenhof Reste der kaltzeitlichen Lößdecke erhalten. Der Schwemmfächer des Kirschgrabens informiert uns also exemplarisch nicht nur für den Spessart über DAS Umweltdrama des vergangenen Jahrtausends. Im Verlauf von wenigen Stunden oder Tagen hatte der Spessart seine ursprüngliche Fruchtbarkeit verloren; er wurde danach zwangsläufig zu einer Waldlandschaft – die bis in das 18. Jahrhundert von Eichen und Buchen dominiert war (nicht von Fichten oder Tannen).
4. Der Verlauf des Jahrtausendregens im Juli 1342 in Mitteleuropa
Welches extreme Niederschlagsereignis hat diese verheerende Umweltkatastrophe verursacht (da Menschen durch Landnutzung die Katastrophe erst ermöglichten, handelt es sich hier um eine Umweltkatastrophe und nicht um eine Naturkatastrophe!)? Schriftquellen geben eine klare Antwort: Kein Starkniederschlag wurde im 14. Jahrhundert (und auch in der Zeit davor und danach) derart of erwähnt; kein anderes Witterungsereignis hatte derart gravierende Folgen wie dasjenige im Juli des Jahres 1342 (Bork 1983, 2006, Dotterweich und Bork 2007).
Schriftquellen belegen, dass eine warme, feuchte Luftmasse aus dem östlichen Mediterranraum in das westliche Mitteleuropa vorgedrungen war (Roth 1996, Bork et al. 1998). Hier strömte sie über eine kühlere, also schwerere Luftmasse im Nordwesten. Die auf der kühlen aufsteigende wärmere Luftmasse aus dem Mittelmeergebiet kühlte sich ab. Dabei kam es zu starker Kondensation, zu gravierender Wolkenbildung und zu ganz außergewöhnlich ergiebigen Niederschlägen. Am 19. Juli setzten die Starkregen in Franken und Thüringen ein. Die Front wanderte von hier aus weiter in westliche und nördliche Richtung und führte auch dort zu extrem hohen Niederschlagsintensitäten. Schließlich war der gesamte Raum zwischen Eider und Donau, Maas und Oder (möglicherweise gar bis zur Weichsel) betroffen.
Der Bewegungsverlauf der Luftmassen wird nach dem niederländischen Meteorologen W. J. van Bebber als „Vb-Zugbahn“ bezeichnet. Eine derartige Wetterlage – mit feuchten, aus dem östlichen Mittelmeerraum anströmenden Luftmassen – ist gar nicht so selten. Sie war in jüngster Zeit verantwortlich beispielsweise für die Oderflut 1997 und die Elbüberschwemmung 2002. Die Abflussmengen lagen 1342 wohl um das 50- bis 100-fache über denjenigen in den Jahren 1997 oder 2002.
5. Die kurzfristigen Folgen des Jahrtausendregens
Der Abfluss des Jahrtausendniederschlags floss im Kirschgraben zusammen. Die Wassermassen rissen dort selbst große Steine aus dem Verband des Sandsteins; sie veränderten die Länge und die Form des Kirschgrabens, erhöhten und vergrößerten dessen Schwemmfächer drastisch. Vor allem der Abfluss dieses einen Regens nahm den Böden im Einzugsgebiet ihre Fruchtbarkeit für Jahrtausende und beendete damit an vielen Standorten die vorausgegangene landwirtschaftliche Nutzung und den Weinbau. Wie wirkte der Katastrophenregen des Jahres 1342 andernorts? Grabungen der Autoren belegen ein Schluchtenreißen und starke flächenhafte Bodenerosion auch außerhalb des Spessarts, ja in dem gesamten Raum, den der Regen im Juli 1342 heimsuchte und der in jenen Tagen nicht von dichter Vegetation bedeckt war (Bork 1983, 2006, Bork et al. 2006, Dotterweich und Bork 2007).
Abb. 5: „Am 21. Juli 1342 stieg der Main in wenigen Stunden gewaltig an. Die Mainbrücke mit ihren Türmen, die Mauern und viele steinerne Häuser der Stadt stürzten zusammen. Am Domportal erreichte das Wasser die steinernen Statuen, oberhalb der Stufen.“ (Bauinschrift vom Hof zum Großen Löwen in Würzburg, Mainfränkisches Museum in Würzburg; Quelle: Bork 2006)
Schriftquellen beschreiben besonders die Wasserhöhen der resultierenden Überschwemmungen in den größeren Flußauen und die Infrastrukturschäden. Zwei Beispiele illustrieren die Schäden entlang des Mains. In Würzburg rissen die Wassermassen die Mainbrücke fort; das Hochwasser erreichte hier gar die steinernen Statuen oberhalb der Stufen des Domportals (Abb. 5). Grotefend (1884, S. 5f.) nennt ganz außergewöhnliche Wasserhöhen für 12 Kirchen in Frankfurt am Main am 20., 21 oder 22. Juli 1342:
Sankt Jakob
3 Schuh
Barfüßer Kirche
4 Schuh
Sankt Niklas
6 Schuh
St. Elsbeth
7 Schuh
Kirche zum Heiligen Geist
7 Schuh
St. Anna
7 Schuh
Deutschherrenkirche
7 Schuh
Kirche unser Frauen Brüder
7 Schuh
Kirche zu den Weißen Frauen
7 Schuh
Prediger Kirche
9 Schuh
Kirche zu den drei heiligen Königen
12 Schuh
St. Jörg
bis unter die
untersten Schwibbögen
Einige Berichte veranschaulichen die Dramatik des Ereignisses in Frankfurt am Main sowie in Sachsenhausen und die Reaktionen der Bewohner. „1342 hat sich auf Marien Magdalenen Tag eine solche Flut ergossen, da mancher Ort unter Wasser gesetzt worden. […] Der Main war so hoch gestiegen, daß das Wasser rings um Sachsenhausen herumging und zu Frankfurt alle Straßen unter Wasser standen. Selbst in den Kirchen hatte man etliche Schuh hoch Wasser, darum Jedermann in der Furcht gestanden, die ganze Stadt würde vergehen. […] Zumittelst wollte die hohe Flut nicht ablassen sondern es riß auf St. Jacobs Tag um 1 Uhr die Brücke und der Turm samt dem Pfeiler darauf die neu erbaute Kapelle gegen Sachsenhausen zugestanden, aus dem Grund hinweg bis auf 6 Schwibbögen gegen Frankfurt zu. Zu Sachsenhausen machte das Wasser ein Loch oder Grube in die Erde welche 100 Ellen lang, 10 Ellen tief und 25 Ellen breit war, der Steinweg war auch ganz zerrissen. […]“ (Aus dem Nachlass der Rheinischen Naturforschenden Gesellschaft im Stadtarchiv Mainz, Abschriften und Quellen über Naturkatastrophen, die im 19. Jh. von Dr. Jos. Wittmann zusammengestellt worden waren; vgl. Abb. 6, 7).
„Diß hat großen schrecken bracht, darum die von Sachsenhaußen auf den Mölberg genannt zum Hohenrad geflohen, allda hüttlein gemacht; die von Franckfurt in die dörfer. […] und auf denselbigen tag haben die einwohner alle gefastet zu waßer und brod und am nächsten tag nach sankt Jacob tag ein prozeß gehalten, alle geistlich und weltlich, reich und arm, barfus gangen, haben getragen 100 Stangenkerzen und 600 kleine Kerzen […]“(Grotefend 1884, S. 5 f.).
Abb. 6: Das Jahr 1342 in den Abschriften und Quellen über Naturkatastrophen, die
im 19. Jh. von Dr. Jos. Wittmann zusammengestellt worden waren (aus dem
Nachlass der Rheinischen Naturforschenden Gesellschaft im Stadtarchiv Mainz)
Abb. 7: Das Jahr 1342 in den Abschriften und Quellen über Naturkatastrophen, die
im 19. Jh. von Dr. Jos. Wittmann zusammengestellt worden waren (aus dem
Nachlass der Rheinischen Naturforschenden Gesellschaft im Stadtarchiv Mainz)
6. Die langfristigen Folgen des Jahrtausendregens
In den Mittelgebirgen Deutschlands gingen im Verlauf jener verheerenden Woche im Juli des Jahres 1342 vor allem bis dahin ackerbaulich genutzte fruchtbare, jedoch geringmächtige Böden verloren. Sie wurden häufig vollständig abgetragen. Seitdem stehen dort oftmals steinreiche oder lehmig-steinige Substrate an, die nur forstwirtschaftlich zu nutzen sind. Das abgespülte Substrat wurde hauptsächlich auf den Unterhängen und an den Rändern kleiner Talauen abgelagert.
An manchen Mittelgebirgsstandorten werden sich durch bodenbildende Prozesse erst in vielen Jahrtausenden wieder landwirtschaftlich nutzbare Böden entwickelt haben. An anderen Mittelgebirgsstandorten wird zunächst die erneute Ablagerung von Lössen in der nächsten Kaltzeit und dann die darauf folgende Warmzeit abzuwarten sein, bis hier wieder ertragreicher Ackerbau betrieben werden kann.
Ohne Kenntnis des Jahrtausendregens und seiner Folgen ist durchaus verständlich, dass Agrarhistoriker die „Fehlsiedlungstheorie“ entwickelten. Diese besagt, die Besiedlung einiger Bereiche in den Mittelgebirgen sei fehlgeschlagen, da die Siedler erst die dort schon immer charakteristische Unfruchtbarkeit der Böden selbst erfahren mussten und eine Aufgabe (Wüstfallen) resultierte. Diese Böden waren jedoch vor 1342 überwiegend fruchtbar und ackerbaulich nutzbar.
Rascher vollzog sich die Regeneration von Böden in den Sanden der Jungmoränenlandschaften Norddeutschlands. Nach 1342 wüstgefallene Standorte bewaldeten sich auch dort. Jedoch entstanden im Verlauf weniger Jahrhunderte erneut Böden, die teilweise seit dem 17. oder 18. Jahrhundert wieder ackerbaulich genutzt werden konnten (Bork et al. 1998).
In der Wetterau und in der Lößbörde nördlich der Mittelgebirge hat sich das Ereignis
des Jahres 1342 hingegen wohl auf weit mehr als 80% der Oberfläche kaum ausgewirkt. Viele Hänge besitzen hier eine geringe Neigung. Die Lösse waren (und sind) zumeist derart mächtig, dass auch nach der Abtragung der oberen Zentimeter oder Dezimeter ein ausreichender Teil des Lösses an den Standorten verblieb, um eine Fortsetzung des Ackerbaus zu ermöglichen.
Die Hänge und die kleineren Tiefenlinien lößerfüllter Beckenlandschaften (z. B.
des Kraichgaus im nordwestlichen Baden-Württemberg oder des Untereichsfelds in
Südniedersachsen) wurden hingegen stark zerschluchtet. Oftmals brachen die steilen,
im Juli 1342 entstandenen Wände der Schluchten bald ein. Zwischen den kollabierten Blöcken in den Schluchten sedimentierte während schwacher Gewitterregen oberhalb im Ackerland abgetragenes Substrat. In der Folgezeit wurden die teilverfüllten Schluchten als Dauergrünland genutzt.
7. Die Entwicklung nach dem Jahrtausendregen
Auf den Jahrtausendregen folgte für viele Bewohner Europas ein noch dramatischeres Ereignis: Die Beulenpest verursachte von 1348 bis 1350 ein Massensterben. Zusammen mit den Hungersnöten der zweiten Dekade des 14. Jahrhunderts bewirkte diese Pestpandemie ein Rückgang der Bevölkerungsdichte in Deutschland um mehr als ein Drittel. Der Bedarf an Ackerfläche nahm ab. Das Wüstfallen von Fluren, das u. a. bereits durch die Folgen des Jahrtausendregens viele Standorte nicht nur in den Mittelgebirgen erfasst hatte, verstärkte sich wesentlich. Im Vergleich zum späten 13. Jahrhundert verdreifachte sich die waldbedeckte Fläche Deutschlands nach der Mitte des 14. Jahrhunderts.
Damit wurde auch eine veränderte Ernährung möglich. Im 13. Jahrhundert waren die Landschaften Mitteleuropas so intensiv zur Nahrungsmittelerzeugung genutzt worden wie wohl niemals davor. Hohe Fleischpreise ermöglichten vorwiegend nur einer kleinen Oberschicht den Verzehr von Fleisch. Die meisten Mitteleuropäer lebten von pflanzlichen Produkten, waren Vegetarier. Mit dem starken Rückgang der Bevölkerungszahl bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts nahm der Nahrungsmittelbedarf ab und die Wälder dehnten sich danach aus. In den neuen Wäldern wurden vor allem Schweine und Rinder gehalten. Damit erhielt der überwiegende Teil der Bevölkerung Zugang zu Fleisch. Der Fleischkonsum schnellte in die Höhe, im Durchschnitt zeitweise wohl auf deutlich mehr als zwei Pfund Fleisch und Wurst pro Person und Tag (Bork 2006).
Die beschriebenen Wechselwirkungen von naturräumlichen Gegebenheiten wie Reliefund Bodeneigenschaften, extremen Witterungsereignissen, Landnutzung und Ernährung sind faszinierend und – zumindest teilweise – unerwartet.
8. Dank
Wir danken Herrn Dr. Gerhard Ermischer und Herrn Harald Rosmanitz vom Archäologischen Spessart-Projekt und dem 1. Bürgermeister von Heimbuchenthal, Herrn Rüdiger Stenger, ganz herzlich für die Ermöglichung und die intensive Unterstützung der geoarchäologischen Untersuchungen an der Burg Mole bei Heimbuchenthal im Spessart. Herr Harald Roßmanitz datierte zahlreiche Keramikfunde in und um Burg Mole. Frau Gertrud Bork beschaffte und bearbeitete Material zum Jahrtausendregen von mehr als 20 zahlreichen Archiven in Deutschland.
Anmerkungen
( * ) Erweiterte und überarbeitete Fassung des gleichnamigen Artikels im Jahrbuch der Wetterauischen Gesellschaft für die gesamte Naturkunde, 158. Jh. 2008, S.n 119-129. (01) Die fachliche Betreung der Maßnahme oblage dem Archäologischen Spessartprojekt (Vorsitzender: Dr. Gerhard Ermischer) und wurde von Harald Rosmanitz durchgeführt (Red.).
Literaturverzeichnis
Bork, H.-R. (1983):
Die holozäne Relief- und Bodenentwicklung in Lößgebieten – Beispiele aus dem südöstlichen Niedersachsen. In: H.-R. BORK & W. RICKEN, Bodenerosion, holozäne und pleistozäne Bodenentwicklung, Catena SUPPL. 3: 1-93; Braunschweig
Bork, H.-R. (2006):
Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen. 207 S. Darmstadt (WBG / Primus-Verlag).
Bork, H.-R., H. Bork, C. Dalchow, B. Faust, H.-P. Piorr & T. Schatz (1998):
Landschaftsentwicklung in Mitteleuropa. Wirkungen des Menschen auf Landschaften.
328 S. Gotha (Klett-Perthes).
Dotterweich, M. und H.-R. Bork (2007): Jahrtausendflut 1342. Archäologie in Deutschland. 4/2007, S. 38-40.
Grotefend, H. (1884): Quellen zur Frankfurter Geschichte. Bd. 1. Frankfurt am Main. Roth, R. (1996): Einige Bemerkungen zur Entstehung von Sommerhochwasser aus meteorologischer Sicht. Zeitschr. f. Kulturtechnik u. Landentwicklung, 37: 241-245.
Anschrift der Autoren:
Hans-Rudolf Bork und Annegret Kranz
Ökologie-Zentrum
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Olshausenstr. 40
24098 Kiel