In den vergangenen 20 Jahren erlebte der Begriff Landschaft eine regelrechte Boom-Konjunktur. Auf allen Ebenen von Wissenschaft, Politik und Tourismus ist die Rede von Naturlandschaft, Kulturlandschaft oder eben einfach nur Landschaft. Landschaftsplanung, Landschaftsentwicklung, Landschaftsmanagement, Landschaftsgestaltung, Landschaftsarchitektur – eine Flut von Begriffen, die den Zeitgeist widerspiegeln, doch welche Inhalte transportieren sie?

Worum geht es bei dem Dialog mit der Landschaft? Um die bessere Vermarktung einzelner Regionen, die Aufwertung von Landschaften mit außergewöhnlichem Flair, die Reaktion auf eine sich immer schneller, immer tiefgreifender verändernde Gesellschaft und Umwelt? Geht es lediglich um neue bürokratische Strukturen und Fördermöglichkeiten? Eine Antwort auf diese Fragen liefert die Europäische Landschaftskonvention des Europarats, die in einfachen und klaren Worten den Wert der Landschaft für die Gesellschaft und die Menschen betont, eine umfassende Definition des Landschaftsbegriffs gibt und für eine vernünftige und nachhaltige Entwicklung der Landschaft wirbt. Die Europäische Landschaftskonvention will dabei keine Unterteilung in wertvolle und weniger wertvolle, schöne und hässliche, gute und schlechte Landschaften vornehmen. Sie will vielmehr den unersetzlichen Wert der Landschaft für uns und künftige Generationen festhalten und für die sinnvolle Entwicklung aller Landschaften gemäß ihrer Bedürfnisse und Voraussetzungen eintreten.

Die Europäische Landschaftskonvention wurde auf Anregung des Ausschusses der Regionen in einem langen Diskussionsprozess entwickelt. Am 20. Oktober 2000 wurde sie in Florenz verabschiedet und den Mitgliedsstaaten des Europarats und den mit dem Europarat assoziierten Staaten zur Unterschrift vorgelegt. Als Konvention des Europarats stellt sie eine Rahmengesetzgebung dar, die in mehreren Schritten umgesetzt werden muss. Die Staaten zeigen durch die Unterzeichnung der Konvention ihr generelles Interesse an der Konvention an. Nach der Unterzeichnung durchläuft die Konvention innerhalb des Unterzeichnerstaates einen parlamentarischen Prozess, an dessen Ende die Ratifikation steht. Damit nimmt der Staat die Konvention in seine eigene Rahmengesetzgebung auf und kann sie nun durch konkrete gesetzgeberische und administrative Maßnahmen umsetzen. Erst wenn eine gewisse Anzahl von Staaten dieses Verfahren durchlaufen und die Konvention ratifiziert haben, tritt sie offiziell in Kraft. Dies geschah im Falle der Europäischen Landschaftskonvention am 1. März 2004. Was auf den ersten Blick wie ein recht beträchtlicher Zeitraum erscheint, ist gemessen an vergleichbaren, internationalen Konventionen eine beachtliche Leistung und ein rascher Erfolg.

Ein zentraler Bestandteil der Europäischen Landschaftskonvention ist die Bürgerbeteiligung, die für alle Maßnahmen zur Pflege und Entwicklung der Landschaft gefordert wird. Die Konvention verlangt eine direkte Beteiligung der Zivilgesellschaft an dieser wichtigen Aufgabe. Damit soll sichergestellt werden, dass die Bedürfnisse und eigenständigen Vorstellungen der Menschen in den unterschiedlichen Regionen in der Landschaftsplanung ausreichend Gehör finden und eine gleichförmige Entwicklung der Landschaften verhindert wird. Auch hat man in Straßburg aus den Erfahrungen mit früheren Konventionen gelernt. Der gesamte Umsetzungsprozess wird vom Europarat aufmerksam und aktiv begleitet. Dabei spielen auch die Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle, ganz im Sinne der Landschaftskonvention, die so großen Wert auf Bürgerbeteiligung und die Aufwertung der Zivilgesellschaft legt.

So konnte sich auch das Archäologische Spessartprojekt für eine stärkere Berücksichtigung der kulturellen Aspekte in der Landschaft einsetzen. Als Nichtregierungsorganisation (NGO) können wir uns im Europarat an der Umsetzung der Landschaftskonvention beteiligen. Diese Aufmerksamkeit verdanken wir auch unseren europäischen Partnerprojekten, vor allem Pathways to Cultural Landscapes, das wir zu einem internationalen Netzwerk zur Landschaftsforschung ausgebaut haben. Wir haben als eine Zielvorstellung die Entwicklung der kulturellen Vielfalt definiert. Ihr sollte in Zukunft derselbe Stellenwert beigemessen werden wie der Biodiversität, der biologischen Vielfalt, die als fester Bestandteil des Umweltschutzes schon heute bei Landschaftsplanung und -entwicklung Eckpunkte vorgibt. Landschaft muss nicht nur in ihrer räumlichen Ausdehnung, sondern auch in ihrer zeitlichen Tiefe verstanden werden. Die Zeugnisse der historischen Entwicklung der Landschaft tragen wesentlich zu ihrem eigenständigen Charakter bei.

Die Landschaftskonvention misst der Bürgerbeteiligung auch deshalb eine so große Rolle bei, weil es ja die Menschen sind, die wesentlich den Charakter einer Landschaft beeinflussen, so wie sie selbst auch von der Landschaft beeinflusst werden. Dies bedeutet auch, dass intakte und eigenständige Landschaften mit einer positiven Bindung der Menschen an „ihre“ Landschaft wesentlich zum sozialen Wohlergehen der Menschen beitragen. Landschaft hat daher – über den Tourismus hinaus – einen bedeutenden wirtschaftlichen und sozialen Wert.

Diese Erkenntnis spiegelt nicht nur die Europäische Landschaftskonvention wider. Auch die Empfehlungen zur Raumordnung des Ministerrats der Europäischen Union reflektieren diese Erkenntnis, ebenso wie Konventionen der UNESCO und anderer internationaler Organisationen. Die Europäische Landschaftskonvention berücksichtig diese Dokumente, stellt jedoch in ihrer klaren, umfassenden und leicht verständlichen Form sowie in ihren demokratischen Zielsetzungen ein gleichermaßen aktuelles wie positives Dokument dar, das im besten Sinne europäisch ist.

Auf der Webseite des Europarats finden Sie eine Einführung zur Europäischen Landschaftskonvention, Erläuterungen und Hinweise zur Umsetzung der Konvention (in Englisch) sowie den deutschsprachigen Text der Konvention.