Aus der Landschaft getilgt – die hochmittelalterliche Niederlegung der Burg Wahlmich

Waldaschaff, Burg Wahlmich, Gesamtplan der Grabungen 2016. Planerstellung: Sabrina Bachmann, HeimbuchenthalDie Lage der Burgstelle südlich der A3 Aschaffenburg-Würzburg, westlich des heutigen Ortskerns von Waldaschaff ist seit langem bekannt. Die Möglichkeit zur archäologischen Untersuchung des Areals bot sich im Jahre 2016, als die Gemeinde Waldaschaff das Areal erwarb. Im Vorgriff einer touristischen Inwertsetzung ging es darum, die Lage und den Erhaltungszustand der archäologischen Strukturen ausschnittsweise zu untersuchen. Während der dreimonatigen Grabungskampagne wurden von Anfang Mai bis Ende Juli, unter der Federführung des Archäologischen Spessartprojekts in Zusammenarbeit mit dem Verein für Heimatpflege Waldaschaff, im Südteil des Burghügels und dem vorgelagerten Graben vier Schnitte angelegt. Der erfolgreiche Verlauf der Grabung ist nicht zuletzt dem Engagement der Gemeinde Waldaschaff und dem Verein für Heimatpflege Waldaschaff zu verdanken. Eine maßgebliche Förderung der Forschungsgrabung erfolgte durch die Kulturstiftung des Bezirks Unterfranken. Ohne die ehrenamtlichen Helfer aus den umliegenden Gemeinden wäre es nicht möglich gewesen, in dem vorgegebenen Zeitraum eine so große Fläche ohne den Einsatz von schwerem Gerät intensiv zu untersuchen.

Im Gewann Wahlmich umschließt ein tiefer Graben ein fünfeckiges, steil aufragendes Areal. Die umfänglichen Bodeneingriffe anlässlich der Errichtung der nördlich angrenzenden Autobahn in den Jahren 1955-60 und 2010/11 lassen die ursprüngliche Zusammengehörigkeit des heute vollständig bewaldeten Burghügels mit dem nördlich an einer Furt durch die Aschaff gelegenen Weilers Waldaschaffs kaum mehr erahnen. Da auch die mittelalterliche Straße, die ursprünglich bei dieser Stelle die Aschaff querte, weitgehend aus dem Landschaftsbild verschwunden ist, kann die geostrategische Bedeutung der Burg heute vor Ort kaum mehr nachvollzogen werden.

Auf der Grundlage von Begehungen und der Analyse des digitalen Geländemodells erwarteten die Ausgräber vor Grabungsbeginn eine weitgehend aus Holz errichtete Niederadelsburg. Sowohl die oberflächlich sichtbaren Befunde, als auch die Lesefunde in Form stark verschliffener Keramiken wiesen deutliche Parallelen zu der zwischen 1160 und 1180 genutzten Ketzelburg im benachbarten Haibach auf. Bereits bei Anlage des ersten Schnittes musste diese Vorstellung jedoch gründlich revidiert werden. Auf dem Hügel, der aus oberflächennah stark verwittertem Diorit besteht, wurde deutlich später, um 1220/30 eine Wehranlage aus steinerneren Mauern erreichtet. Als Baumaterial dienten im Fundamentbereich in Lehm und im Aufgehenden in Mörtel verlegte, grob zugerichtete Sandsteine. Das gesamte Baumaterial musste dabei herbeigeschafft werden.

Waldaschaff, Burg Wahlmich, Blick auf den südlichen Burggraben von OstenAus den Grabungsbefunden kann der Bauvorgang zumindest in Teilen erschlossen werden. Die meiste Arbeitskraft dürfte demnach in die Anlage des Burggrabens investiert worden sein. Dazu wurde, dem geologischen Relief folgend, das verwitterte Erdreich mit seiner stark lehmhaltigen Deckschicht abgegraben und steil an den Hängen des Burgbergs abgeböscht. In der Folge teufte man an der tiefsten Stelle einen etwa zwei Meter breiten und vier Meter tiefen Graben ab. Den Felsen des nach außen weisenden Hangs steilte man gleichmäßig ab, so dass ein Angreifer auch dort keinen Halt finden konnte. Mit der Aufhöhung des Burghügels wurde ein mehrfach abgetrepptes Plateau geschaffen, auf dem die notwendigen funktionalen und repräsentativen Baulichkeiten der Wehranlage errichtet werden konnten. Parallel zum Grabenaushub wurden die Ringmauern aufgeführt. Die stark exponierte, durch Blidenbeschuss angreifbare Südseite des Hügels erhielt zusätzlich eine massive Hinterfütterung in Form eines von starken Mauern eingefassten, aufgeschütteten Erdriegels. Weitere Elemente der befestigten Burg wie das Tor und der Burgfried dürften im Norden des Bodendenkmals gelegen haben. Dieses Areal wurde bei den Grabungen 2016 aus Zeitgründen nicht in die Untersuchungen eingebunden.

Waldaschaff, Burg Wahlmich, Blick auf den Palaskeller von SüdenUm 1250 wurde in einer zweiten Bauphase der Palas errichtet. Seine in den Felsen vertiefte Baugrube grenzt unmittelbar an die schildmauerartigen Mauerstrukturen am Südende der Burg an. Von dem einst in Fachwerkbauweise konstruierten, mehrstöckigen Gebäude haben nur Reste der steinernen Kellermauern die Zeit überdauert. Pfostenlöcher im Kellerboden sprechen für eine Vorgängerbebauung an dieser Stelle. In einer breiten Grube im Kellerboden könnte ein hohes Fass gestanden haben.  Für einen vergleichsweise hohen Lebensstandard der Bewohner sprechen die in der mehrfach verlagerten Kellerverfüllung geborgenen Fundstücke: Die Fragmente eines Kachelofens, bestehend aus den regionaltypischen gekniffenen Becherkacheln, ebenso wie die mit Glasscheiben ausgestatteten Fenster. Als sozialer Indikator sind auch Hohlgläser sowie rot engobierte, teilweise rädchenverzierte Becher und Kannen anzuführen. Fragmente eines glasierten Aquamaniles, eine bronzene Haarnadel, ein zinnener Fürspan, Sporen, Reste einer Jagdarmbrust und vergoldete Kästchenbeschläge waren ebenfalls im Fundgut enthalten. Trotz seiner aufwändigen Innenausstattung, zu der auch ein Fußboden mit ornamentierten Bodenfliesen gehörte, war der Palas lediglich mit Schindeln oder Schilf eingedeckt. Das Fehlen einer Ziegeleindeckung unterscheidet das Gebäude grundlegend von entsprechenden zeitgleich bestehenden Häusern auf der Burg auf dem Gräfenberg bei Hösbach-Rottenberg und auf dem Alten Schloss bei Kleinwallstadt. Möglicherweise war ein weiterer Ausbau geplant, konnte aber nicht mehr umgesetzt werden.

In der zweiten Hälfte der 1260er Jahre wurde die Burg vollständig aus der Landschaft getilgt. Anlass dafür dürfte die Ausweitung des Herrschaftsgebietes des Grafen von Rieneck im westlichen Spessart geboten haben. Die Inbesitznahme von Territorien, über die zuvor der Erzbischof von Mainz zu bestimmen hatte, gipfelte in der Errichtung und dem Ausbau zahlreicher Höhenburgen, wie der Burg Wahlmich. Der Graf von Rieneck, der in dieser Auseinandersetzung unterlag, wurde am 17. März 1266 vertraglich gezwungen, seine neu errichteten Burgen innerhalb von vierzehn Tagen vollständig zu zerstören. Die Bedingungen waren in diesem Punkt sehr präzise und ließen den Rieneckern in ihren Formulierungen („destrui totaliert et subverti“ HStA Mainz, Urk. 131) keinerlei Spielraum.

Das Vorgehen bei der Zerstörung konnte bei Grabungen des Archäologischen Spessartprojektes bereits für das Alte Schloss in Kleinwallstadt (2006-2010) und für die Burg auf dem Gräfenberg bei Hösbach-Rottenberg (2007) archäologisch erforscht werden. Demzufolge wurde die Anlage von den Burgbewohnern selbst systematisch abgebrochen. Nach gründlicher Ausräumung und der Brandzerstörung entfernte man bei den Ringmauern auf Fundamenthöhe eine Reihe von Schalensteinen und ersetzte diese durch hölzerne Stempel. Besonders stabile Bereiche wie die Mauerecken wurden untertunnelt. Die so entstandenen Hohlräume wurden ebenfalls mit Holz verbaut. Durch das systematische Verbrennen der hölzernen Stützen wurden die Mauern auf einen Schlag zum Einsturz gebracht. Ein Gutteil der Mauersubstanz fiel in den Burggraben und füllte diesen komplett auf. Die Sollbruchstellen für den Mauereinsturz wurden dabei bewusst tiefer als die Laufhorizonte angelegt. Innerhalb kürzester Zeit versiegelte eine dicke Erdschicht die verbliebenen Fundamente ebenso wie den Versturz im Graben. Zwar kam es im Nachgang, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert zu Steinentnahmen, diese beschränkten sich jedoch auf die über die Jahrhunderte wieder freigespülten Fundamentreste.

Die auf der Burg Wahlmich freigelegten Befunde zeugen von einem systematischen und vollständigen Abriss, der innerhalb kürzester Zeit erfolgen musste. Sie lassen sich mit aller Vorsicht mit der Urkunde von 1266 in Übereinstimmung bringen. Wie gründlich dabei vorgegangen wurde, zeigt sich im Bereich des Palaskellers. Selbst bei diesem, in Fachwerk aufgeführten Gebäude wurden die Ecken der steinernen Kellermauern zum Einsturz gebracht. Der gesamte Prozess der Burgzerstörung war kein willkürlicher Akt, sondern eine systematisch geplante und umgesetzte Aktion, die mit der Niederlegung noch nicht seinen Abschluss fand. Die Analyse der Straten der Kellerverfüllung belegen, dass unmittelbar nach der Devastierung die Verfüllung des Kellers gezielt nach Verwertbarem durchwühlt wurde. Hochwertige Bauteile wie die in den Ecken der Ringmauer verbauten Bossenquader wurden herausgelesen und nach andernorts verbracht.

Die meisten der bei den Grabungen von 2016 angetroffenen Befunde können der Siedlungsphase kurz vor der Zerstörung der Anlage am Ende der 1260er Jahre zugewiesen werden. Ältere Fundstücke wie der Fürspan oder ein Brakteat mit dem Bildnis Kaiser Friedrich I. (reg. 1152-1190) verweisen ebenso wie Keramiken der glimmergemagerten Vorspessartware darauf hin, dass die Anlage etwa fünfzig Jahre in Benutzung war. Das Fehlen von erhaltenen Laufhorizonten in den bislang archäologisch untersuchten Bereichen der Burg erschwert eine genauere zeitliche Eingrenzung.

Nach ihrer vollständigen Niederlegung wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten kein Versuch mehr unternommen, die Anlage zu reaktivieren. Die Territorialherrschaft wurde von da an im Aschafftal bei Waldaschaff, im westlich des Dorfes gelegenen Wasserschloss Weiler ausgeübt. In der Folge wurde das Gelände über Jahrhunderte hinweg landwirtschaftlich genutzt. Eine in der Mitte des 20. Jahrhunderts angelegte Bewaldung erschwert heute die Sichtbarkeit der von Menschenhand geschaffenen Anlage.

Die Grabung auf der Burg Wahlmich ist ein Baustein in einem nunmehr vierzehnjährigen Forschungsprojekt, bei dem die mittelalterlichen Strukturen des Spessarts an ausgewählten Bodendenkmälern ausschnittsweise untersucht werden. Beispielhaft für vergleichbare Mittelgebirgsregionen sind inzwischen weitreichende, zum Teil sehr detaillierte Aussagen über die Territorialpolitik, die Wirtschaftsweise und den Alltag in Dörfern, Burgen und Klöstern möglich. Zu dieser Zeit erfuhr die Kulturlandschaft Spessart auch außerhalb der Städte einen tiefgreifenden Wandel. Im Hinterland der urbanen Ballungszentren Aschaffenburg und Würzburg wurden Rohstoffe abgebaut und verarbeitet. Eine Optimierung brachte der Auf- und Ausbau einer angemessenen Infrastruktur, wie sie sich für das Kloster Elisabethenzell bei Rieneck exemplarisch am archäologischen Befund aufzeigen lässt. Mit der Zerstörung der Burg Wahlmich verschwand für den Erzbischof von Mainz ein in fremder Hand befindlicher Kontrollposten an einer Zuwegung zum Eselsweg. Die unbehinderte Zugänglichkeit auf diese, die Spessarthöhen von Norden nach Süden querende Fernstraße dürfte ein wesentlicher Standortfaktor für das durch Warenaustausch zu Wohlstand gekommene Aschaffenburg gewesen sein.


Weiterführende Literatur:

Wilhelm Büttner, Geschichte des Dorfes Waldaschaff und der Pfarrei Keilberg, Aschaffenburg 1961.

Wilhelm Büttner, Die Weilerburg bei Waldaschaff, in: Spessart 12 (1967), S. 9–11.

David Enders, Zerstörung von Burgen. Untersuchungen zu einem Phänomen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit mit Beispielen aus dem Spessart. (Masch. Masterarbeit), Bamberg 2014.

Christine Engler, Keine Burg weit und breit? Die Burgenlandschaft des westlichen Spessart vom 12. bis 14. Jahrhundert. Masch. Magisterarbeit, Bamberg 2009.

Thomas Kühtreiber, Josef Weichenberger, Unterirdische Gänge auf Burgen – Eine Spurensuche, in: Claudia Theune-Vogt, Gabriele Scharrer-Liška, Elfriede Hannelore Huber, Thomas Kühtreiber (Hg.), Stadt – Land – Burg. Festschrift für Sabine Felgenhauer-Schmiedt zum 70. Geburtstag (Internationale Archäologie Studia honoraria Bd. 34), Rahden /Westf. 2013, S. 237–248.

Werner Meyer, Burgenbau und Burgenbruch in den Waldstätten, in: Meyer, Werner, Philippe Morel, Dieter Markert, Dieter Holstein, Hugo Schneider, Jakob Obrecht (Hg.), Die bösen Türnli. Archäologische Beiträge zur Burgenforschung in der Urschweiz (Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters Bd. 11), Olten etc. 1984, S. 181–196.

Werner Meyer, Die Eidgenossen als Burgenbrecher, in: Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz 145 (1992), S. 5–95.

Christine Reichert, Harald Rosmanitz, Das „Alte Schloss“ bei Kleinwallstadt am Untermain, in: Georg Ulrich Großmann (Hg.), Die Burg zur Zeit der Renaissance (Forschungen zu Burgen und Schlössern Bd. 13), Berlin, München 2010, S. 213–225.

Harald Rosmanitz, Burgenforschung im Spessart. Das „Alte Schloss“ in Kleinwallstadt, in: Beiträge zur Archäologie in Unterfranken (2009), S. 243–286.


Harald Rosmanitz, Partenstein 2017