Von Krabben, Drachen, Eichenlaub und Rosen

Krabbenbesetzte Kranzkachel von der Burg Wildenstein. Dieburg, um 1380, H. 32,0 cm Br. 19,5 cmIn den meisten Häusern war bis in das 17. Jahrhundert hinein die ebenerdige Kochstelle zugleich die einzige Wärmequelle im Haus. Für große Burganlagen wie die Wildenstein kommen Kamine und Kachelöfen hinzu. Wurden die Kamine in erster Linie für repräsentative Zusammenkünfte genutzt, so holte man sich mit Hilfe der holzsparenden, rauchfreien Kachelöfen behagliche Wärme in die gute Stube. Für die Burg Wildenstein sind mindestens drei Generationen von Kachelöfen nachgewiesen. Die ältesten Kacheln stammen aus dem hessischen Dieburg und wurden dort noch vor 1400 gefertigt. Damit holte sich der Burgherr den „Maibach“ der Kachelöfen nach Hause. Doch trugen die farbenfroh glasierten Kacheln nicht nur dem Repräsentationsbedürfnis des Burgherren Rechnung. Drachen, Eichenblätter und Maßwerk erzählen Geschichten, die von uns heute teilweise gar nicht mehr entschlüsselt werden können, damals jedoch jedermann geläufig waren.

Quadratische Nischenkachel mit geschlossenem Vorsatzblatt mit Rose in rundem Medaillon von der Burg WildensteinFragmente einer Blattkachel mit einer Blüte in einem runden Medaillon stammen von einem Ofen, wie er etwa zeitgleich auch auf dem Burg Bartenstein bei Partenstein im Spessart stand. Die Blüte kann aufgrund der Fünfzahl ihrer Kelchblätter botanisch als eine Rose angesprochen werden. Ihre Bedeutung als mittelalterliche Heilpflanze ist unumstritten. Ihren Weg auf Kachelreliefs fand das Rosengewächs jedoch als Versinnbildlichung von Maria und der Passion.[1] Die Fünfzahl der Blütenblätter wird in der christlichen Heilslehre mit den fünf Wunden Christi gleichgesetzt, die ihm bei der Kreuzigung zugefügt wurden.

Bildfüllende Rosen auf Ofenkacheln gab es bereits im 14. Jahrhundert.[2] Ein künstlerischer Höhepunkt lässt sich in der Schweiz und in Ungarn für die 1460er Jahre belegen.[3] Das Motiv blieb im gesamten letzten Drittel des 15. Jahrhunderts topaktuell.[4] In Abwandlungen wurde der Dekor in Städten wie Esslingen, Kirchheim/Teck oder Nürnberg noch nach 1500 in Öfen eingebaut.

Es bleibt unklar, ob das Motiv aus schweizerischen Reliefs des 14. Jahrhunderts dort weiterentwickelt oder am Oberrhein vollständig neu konzipiert wurde. Am Ende des 15. Jahrhunderts war es jedenfalls im gesamten südwestdeutschen Raum flächendeckend verbreitet. Der Main bzw. die Grenzen der fränkischen Territorien des Bistums Würzburg geben die Nordgrenze an. Im Westen bildet diese der Vogesenhauptkamm. Judith Tamási verdanken wir die Kartierung der Ausbreitung des Motivs in der Schweiz im Süden und in Ungarn im Osten.[5]

Kachelöfen mit Rosendekor finden sich auf Burgen, in Klöstern und in Bürgerhäusern. Auffällig ist die Kombination des Rosenmotivs mit über Eck geführten Blattkacheln mit Bossenquadern. Die Kombination mit Nischenkacheln mit durchbrochenem Vorsatzblatt sowie mit Kranzkacheln mit wappenschildhaltenden Engeln legt nahe, dass hier ein einmal gefundenes Ofenkonzept kaum abgewandelt großräumig kontinuierlich rezipiert wurde.

26 der 54 für Südwestdeutschland in ihrer Provenienz verbürgten Kachelfundstellen liegen auf Burgen. Diesen dürfte bei der Verbreitung des Motivs eine entscheidende Bedeutung zugekommen sein. Man kann sich vorstellen, dass der stolze Burgherr nur allzu gerne seinen prächtigen, neu gesetzten Ofen Seinesgleichen vorführte. Der auf diesem Wege zustande gekommene Sozialdruck dürfte ausgereicht haben, dass auch die umliegenden Herrschaftssitze und kirchlichen Liegenschaften mit entsprechenden Öfen ausgestattet wurden. Es kam zu einer Art „Dominoeffekt“, in deren Folge zahlreiche Hafner mit der Fertigung entsprechender Öfen betraut wurden.

Ein Nachweis der Fertigung von Kacheln mit Rosen ist für die Pliensauerstraße in Esslingen[6], für die Lauergasse in Ettlingen[7], für die Grand-Rue in Straßburg[8] sowie für den Lindenhof in Zürich[9] archäologisch belegt.

Die Hafner trugen mit zahlreichen Abwandlungen des Motivs dem Bedarf ihrer Kundschaft Rechnung. Das Wildensteiner Relief kann den Nischenkacheln mit geschlossenem Halbzylinder nachgewiesen werden, auf dem die Rose von einem runden Medaillon mit dreipassförmigem Maßwerkbesatz umschlossen wird. Soclhe kacheln sind auch für das 1525 abgebrannte Prioratshaus auf dem Gotthardsberg bei Amorbach sowie für das Alte Rathaus in Miltenberg belegt. Hinzu kommen weitere Fragmente dieses Typs im gesamten Spessart und im Großraum Würzburg mehrfach. Die Wurzeln dieser Spielart der Rosankachel dürften in der Westschweiz zu suchen sein.[10]


 

[1] Judit Tamási, Verwandte Typen im schweizerischen und ungarischen Kachelfundmaterial in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Vergleichsuntersuchungen zu den Werkstattbeziehungen zwischen dem oberrheinischen Raum und Ungarn, VIII, (Müvészettörténet-Müemlékvédelem) Budapest 1995, S. 19.

[2] Eva Roth Kaufmann, René Buschor, Daniel Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive, (Schriftenreihe der Erziehungsdirektion des Kantons Bern) Bern 1994, S. 63f; Sophie Stelzle-Hüglin, Von Kacheln und Öfen. Untersuchungen zum Ursprung des Kachelofens und zu seiner Entwicklung vom 11.-19. Jahrhundert anhand archäologischer Funde aus Freiburg im Breisgau, Bd. 8, (Freiburger Dissertationen) Freiburg i. Br. 1999, Taf. 31.1.

[3] Tamási 1995 (wie Anm. 1), S. 23f.

[4] Jean-Paul Minne, La céramique de poêle de l’Alsace médiéval, Strasbourg 1977, S. 63-65; Hans-Martin Pillin, Kleinode der Gotik und Renaissance am Oberrhein. Die neuentdeckten Ofenkacheln der Burg Bosenstein aus den 13.-16. Jahrhundert, Kehl 1990, S. 92-95.

[5] Tamási 1995 (wie Anm. 1) S. 23-25, Anl. 2 und 6.

[6] Harald Rosmanitz, Esslingen als Zentrum spätgotischer Kachelproduktion, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg (1994), S. 295–299.

[7] Egon Schallmayer, Grabungen in Ettlingen, Landkreis Karlsruhe – Neue Aufschlüsse zur Römerzeit und zum Mittelalter in der Altstadt, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg (1993), S. 175–181.

[8] Erwin Kern, Des travaux et des fours. [Werkstätten und Öfen], in: Bernadette Schnitzler (Hg.), Vivre au Moyen âge. 30 ans d’archéologie médiévale en Alsace, Strasbourg 1990, S. 73–78.

[9] Tamási 1995 (wie Anm. 1) S. 23.

[10] Eva Roth Heege, Bernische Kachelöfen im späten Mittelalter, in: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e.V. Düsseldorf 171 (2001), S. 73–99 S. 90, Abb. 25.