Einer der ältesten Zeugnisse des Menschen im Spessart ist dieses Steingerät aus Bessenbach. Es ist auch das Logo des Archäologischen Spessartprojekts.Die ältesten Funde aus unserer Region stammen aus einer Zeit von ca. 50.000 bis 30.000 vor heute. Dazu zählt auch eine Blattspitze aus Bessenbach. Sie ist der Zeit des späten Neandertalers zuzurechnen.

Vor ca. 150 Jahren wurden im Neanderthal die ersten Überreste eines Neandertalers gefunden. Schon damals stritten sich die Fachleute, worum es sich bei diesen Knochen wohl handeln könnte: die Überreste eines bisher noch unbekannten Frühmenschen oder doch krankhaft veränderte Knochen eines Menschen unserer Tage? War der Neandertaler ein direkter Vorfahr des Menschen? Oder doch nur ein entfernter Vetter, ein ausgestorbener Seitenzweig der Evolution ohne direkte Verbindung zu uns? War er ein primitiver Wilder oder ein hochentwickelter Mensch, der sich nur wenig von uns unterscheidet?

Heute sind sich Forscher in einem Punkt einig: unterschied sich der Neandertaler von uns auch in einigen Punkten, so hatte er doch schon eine komplexe Sozialstruktur entwickelt und sich bestens an die harten Lebensbedingungen des Eiszeitalters angepasst. Und erst in den letzten Jahren konnte durch genetische Untersuchungen belegt werden, dass es während des gleichzeitigen Auftretens beider Menschenarten zu einer „Vermischung“ kam. Ein Teil des Neandertalers lebt also in uns Menschen weiter.

Könnten wir uns mit einer Zeitmaschine in diese ferne Epoche zurückversetzen, so würde uns nicht nur der Neandertaler fremd erscheinen. Die ganze Landschaft wäre kaum mit dem Spessart von heute zu vergleichen. Wir stünden auf einer weiten, sandigen Ebene, einer Steppe mit einzelnen Büschen und Birken. Die letzte Eiszeit hätte noch keine tief eingeschnittenen Täler hinterlassen. Durch die weite Ebene würde sich ein breiter und flacher Urmain schlängelt mit zahlreichen Neben- und Totarmen. Und vielleicht würde in der Ferne gerade eine Herde riesiger Mammuts vorbeiziehen – seltsam anzusehen mit ihren zottligen Fellen und gigantischen Stoßzähnen. Die meisten Werkzeuge waren aus Holz, Knochen, und Elfenbein, mit Bast und Gras verflochten. Sie sind längst verrottet und vergangen. Nur die Steingeräte haben sich erhalten. Tatsächlich muss man auch dies noch einschränken: nur die aus Stein gefertigten Teile der Werkzeuge haben sich erhalten. Denn die meisten der Steingeräte hatten aufwendig gestaltete Griffe und Handhaben aus Holz, Geweih oder Knochen – mit Birkenrindenpech verklebt und mit Leder- oder Bastriemen sorgfältig umschnürt.

Selten hat das Zusammenspiel unwahrscheinlicher Zufälle zur Erhaltung solcher Geräte geführt, etwa bei dem berühmten Eismann, der vor einigen Jahren in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, und dessen ganze Kleidung und Ausrüstung im Gletscher tiefgefroren fünf Jahrtausende überdauert haben. Gewiss, dies war ein Mensch am Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit, ein direkter Vorfahre von uns heutigen Menschen. Aber einzelne archäologische Funde lassen erahnen, dass schon der Neandertaler seine Werkzeuge mit größter Sorgfalt hergestellt hat.

Waren die Faustkeile noch Universalwerkzeuge zum Schneiden, Hacken, Schaben und wurden wahrscheinlich wirklich direkt in der Faust gehalten, so waren die Blattspitzen, die ganz am Ende der Zeit des Neandertalers entstanden, ein Gerät unter vielen verschiedenen Werkzeugen. Heute beeindruckt die Blattspitze nicht nur als Zeugnis einer längst vergangenen Zeit, sondern auch durch ihre ideale Form, und die gezielte Auswahl des Materials. Sie lässt uns ahnen, dass bereits der Neandertaler mehr war als nur ein technisch begabtes Wesen, dass sich „nur“ durch den Gebrauch von Werkzeug, Kleidung, des Feuers und einer differenzierten Sprache von den Tieren seiner Zeit unterschied. Auch in den Neandertalern lassen sich bereits jene Anlagen zu abstraktem Denken, Gefühlen und Sinn für Schönheit erkennen, die die kulturelle Evolution des Menschen ermöglichten.

Die Thementafel aus der Ausstellung in Miltenberg von 2005