Als Fälschung des 19. Jahrhundrts entlarvt: Der "Schlüssel" von der KetzelburgBerichten zufolge will im Jahre 1840 der Haibacher Konrad Roth auf der Ketzelburg einen hochmittelalterlichen Schlüssel gefunden haben, der heute bei der Gemeinde Haibach aufbewahrt wird.

Der vergleichsweise große, aus Eisenblech geschmiedete Drehschlüssel hat einen hohlen Schaft und einen zweifach eingekerbten Bart. Dieser Schlüsseltyp lässt sich einem Schubriegelschloss zuweisen, wie es in Unterfranken vom 11. bis ins 14. Jahrhundert verwendet wurde.

Der Schlüssel von der Ketzelburg erlaubt einen Einblick in die hochmittelalterliche Metallverarbeitungstechnik. Dabei wurde ein der Abwicklung des Schlüssel entsprechend geformtes Blech zusammengerollt. Das überstehende Ende wurde zum Griff umgebogen und im Halm fixiert. Am anderen Ende schmiedete man einen einlagigen Bart aus.

So einfach das Funktionsprinzip auch ist, die praktische Ausführung verlangte eine sehr hohe Fertigkeit in der Schmiedekunst und ein enormes Einfühlungsvermögen in den Werkstoff Eisen. Zu sprödes oder zu weiches Rohmaterial hätte ein Zerbrechen oder eine Deformierung des Schlüssels bei seiner Nutzung zur Folge gehabt. Bei der Schlüsselfertigung wurde eine relativ geringe Menge Metall benötigt, was darauf hinweist, dass der Marktwert des Metalls höher lag als in den nachfolgenden Zeiten.

Detail des "Schlüssels von der Ketzelburg". Deutlich erkennt man, dass die Korrosion mittels keinteiliger Punzierung nachgeahmt wurde. Eine Analyse des Schlüssels in den Restaurierungswerkstätten der Museen der Stadt Aschaffenburg brachte Erstaunliches zu Tage. Hatte man sich schon länger alleine aufgrund der Größe des Stückes – der Schlüssel ist etwa doppelt so groß wie andere zeitgleiche Exemplare – Gedanken über die Echtheit des Stückes gemacht, so konnten bei der Feinuntersuchung zahlreiche Details zu Tage gefördert werden, die den angeblichen Bodenfund eindeutig als Fälschung des 19. Jahrhunderts entlarvten.

Insbesondere fallen die viel zu ordentlich angelegten, gleichmäßigen Meißelungen auf, die alte Verrostungsspuren vortäuschen. Dem Fälscher ist dabei zu gute zu halten, dass er sich bei seiner Neuschöpfung erstaunlich detaillgetreu an Vorlagen aus der Zeit um 1200 orientierte.

Die Fälschung von der Ketzelburg ist für uns heute nicht nur eine amüsante Fußnote der Regionalgeschichte. Sie führt uns vielmehr vor Augen, wie eng die Menschen vor annähernd 150 Jahren mit ihrer Burg und damit auch mit ihrer Geschichte verbunden waren und wie sehr sie nach handfesten Beweisen für die Existenz der mittelalterlichen Wehranlage suchten.

Die Suche nach den Rätseln der Ketzelburg gewann mit der Einrichtung eines Kulturrundwegs durch das Archäologische Spessartprojekt an Aktualität. Der Heimat- und Geschichtsverein führte zusammen mit dem Archäologischen Spessartprojekt in den Jahren 2004 und 2005 zwei mehrmonatige Grabungskampagnen durch, bei denen die Ketzelburg sich zweifelsfrei als eine nur wenige Jahrzehnte besiedelte staufische Niederadelsburg mit kleinem, hölzernem Wohnturm und einer aufwendigen Toranlage zu erkennen gab. Der „echte“ Schlüssel zur Burg wurde übrigens auch bei den sehr gründlichen Ausgrabungsarbeiten nicht gefunden ….

Die Thementafel aus der Ausstellung in Miltenberg von 2005