Fragment eines Pilgerzeichens mit stehender Madonna von der Burg Bartensten, Blei, um 1300, Partenstein, Museum Ahler Kram, Fd.-Nr. 2251, H. 4,9 cm, Br. 2,0 cmBis zur Reformation haben Pilgerreisen im Leben des Menschen eine Rolle gespielt, die wir uns heute kaum groß genug vorstellen können. Ihre Wirkung beschränkte sich keineswegs auf die Frömmigkeit. Die Pilgerfahrt war vielmehr oft der einzige Anlass, zu reisen und fremde Länder kennen zu lernen.

Sichtbarer Nachweis einer unternommenen Pilgerreise waren die Pilgerzeichen. Sie bestanden meist aus Blei oder Zinn. Pilgerzeichen wurden vom 12. Jahrhundert bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts hergestellt und an großen Wallfahrtsorten – seit dem 14. Jahrhundert aber auch in kleineren lokalen Heiligtümern – als Souvenir angeboten. Die Herstellung von Pilgerzeichen hatte ihren Höhepunkt im 14. und 15. Jahrhundert. Solche Abzeichen waren in ganz Europa erhältlich, was eifrigen Pilgern erlaubte, ganze Kollektionen davon anzulegen.

Als sichtbare Zeichen des Pilgerstandes halfen sie ihren Trägern, Beschwernisse und Gefahren der Reise besser zu bestehen, boten auf unsicheren Straßen und zu Fehdezeiten einen gewissen, freilich nur unverbindlichen Schutz. Durch Kontakt mit der Reliquie am Pilgerort hatten sie Heils- und Segnungskräfte gewonnen. Als solche wurden sie an Gnadenbildern oder an Wallfahrtsstätten niedergelegt. Aber auch im Haus, über der Stalltüre oder im Felde gegen Unkraut und Ungeziefer vergraben, sollten sie das Böse abwehren. In Krankheitsfällen tauchte man die Pilgerzeichen in Wasser oder Wein, den man dann als Medizin verabreichte, oder man brachte sie unmittelbar mit dem erkrankten Körperteil in Berührung. Der Glaube an die im Pilgerzeichen innewohnende Heilkraft ging sogar so weit, dass man sie im Abguss auf Kirchenglocken anbrachte.

Es erstaunt nicht, dass sich kritische Zeitgenossen, wie Erasmus von Rotterdam, zynisch zur Praxis der Zurschaustellung ganzer Sammlungen von Pilgerzeichen äußerten. 1526 verfasste Erasmus unter dem Titel „Peregrinatio religionis ergo“ einen Dialog zwischen zwei Pilgern; im Verlauf des Spiels von Rede und Gegenrede stellt der kritische Pilger Menedemus seinem etwas naiven Gefährten folgende Frage: „Aber in welchem Aufzug zeigst Du Dich denn? Du bist über und über mit Muscheln bedeckt, voll von Abzeichen aus Zinn und Blei, geschmückt mit Halsketten aus Stroh, und am Arm trägst Du Schlangeneier [gemeint ist ein Rosenkranz].“

Zeitgenössische Darstellungen verraten, wie die Pilgerzeichen getragen wurden. Besonders gerne wurden sie offenbar an den Hut gesteckt. Bei den Ausgrabungen im Friedhof von Lourdes kam ein Ledercape aus der Zeit um 1500 zum Vorschein, das von Pilgerzeichen geradezu übersät ist. Nicht selten gab man die Pilgerzeichen dem Verstorbenen auf seinem Weg ins Jenseits mit. Hinter den Pilgerzeichen verbirgt sich eine ganze Tourismusindustrie. Alleine ihre Herstellung und Vermarktung garantierte hunderten von Menschen Lohn und Brot. Das Pilgerzeichen ist Teil einer groß angelegten Kampagne zur Schaffung und Wahrung eines Standortvorteils, dem man vielerorts auch durch die Errichtung prächtiger Gebäude Rechnung trug. Nur so konnten Bauwerke entstehen wie der Kölner Dom, Vierzehnheiligen oder die Grabeskirche zu Jerusalem. Dass die Pilgerzeichen aus einer vergleichsweise billigen Blei-Zinn-Mischung gefertigt wurden, hängt übrigens nicht nur von ihrem Verkauf als Massenprodukt ab. Vielmehr gab schon Ludwig XI. von Frankreich den bleiernen Abzeichen aus Demut vor dem Herren den prächtigen Ausformungen in Silber oder gar Gold den Vorzug.

Am Beispiel des Pilgerzeichens von der Burg Bartenstein lässt sich beispielhaft aufzeigen, dass mit der Entdeckung eines Fundstückes die Spurensuche nach der Geschichte des guten Stückes erst beginnt. Zuerst wurde präzise festgehalten, woher das Stück stammte. Die Fundstelle gab uns einen Hinweis auf das Alter des Stückes: Die Schicht entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Analyse der erster Fotos des noch unrestaurierten Reliefs verdeutlichen, dass es sich um das Fragment eines Pilgerzeichens handelt. Nun beginnt die Suche nach Vergleichsstücken. Lässt sich die Schrift entziffern? Was ist dargestellt? Wie sah das ganze Stück aus?

Die Suche erweist sich schwieriger als erwartet. Eine Flut von Literatur ist zu bewältigen. Dabei lernen wir Hochinteressantes zum Pilgerwesen im Mittelalter. Ein Pilgerzeichen aus Düsseldorf bringt uns auf eine erste heiße Spur: Die Art der Inschrift ist auffallend ähnlich. Auch die Maße und die Gestaltung der Figuren entsprechen sich. Mindestens ebenso so spannend ist die sorgfältige Freilegung des brüchigen Bleireliefs in den Restaurierungswerkstätten der Museen der Stadt Aschaffenburg. Millimeter für Millimeter nimmt das Relief Gestalt an, werden alte Gebrauchs- und Bearbeitungsspuren unter dem Mikroskop sichtbar. Stück für Stück erhalten wir eine präzise Vorstellung, wie das Pilgerzeichen gefertigt wurde und wie man mit ihm umging, bis es schließlich in den Graben der Burg Bartenstein geworfen wurde.

Und dann noch eine Sensation: Im Herbst 2005 wird bei weiteren Grabungen auf der Burg Bartenstein das Fragment eines Aachenhorns gefunden – Hinweis auf eine zweite Pilgerfahrt unseres frommen Bartensteiners.

Zwischen 2006 und 2016 wurden auf der Burg Bartenstein und auf dem Kloster Elisabethenzell bei Rieneck drei weitere Pilgerzeichenfragmente geborgen.

 

 

 

Die Thementafel aus der Ausstellung in Miltenberg von 2005