Fragment des Rentiergeweihs aus Alzenau

Fragment des Rentiergeweihs aus Alzenau

Wie erhält man Informationen über eine Landschaft, wenn es noch keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt?

Diesem Problem sieht sich der Wissenschaftler gegenüber, wenn er sich mit der Vorgeschichte, des Spessarts beschäftigt. Hier ist die Landschaft selbst das Buch, aus dem man lesen muss, um Informationen über das Aussehen der Landschaft und über die Lebensweise der Menschen zu erfahren. Wichtige Aussagen erhält man mit Hilfe der Untersuchung von Pollen, die die Zusammensetzung der Pflanzenwelt widerspiegeln oder über die Auswertung von Jahresringen an Bäumen. Sie informieren uns über das vorgeschichtliche Klima.

Besondere Möglichkeiten der Landschaftsrekonstruktion eröffnen sich, wenn man einen außergewöhnlichen Fund macht.Bei Untersuchungen an Lößablagerungen in der Ziegeleigrube Zeller bei Alzenau in Unterfranken konnten Geweihsprossen eines Rens (Rangifer spec.) gefunden werden. Sie waren von etwa 2,20 m Lößschichten bedeckt. Die Fundstelle ist aus zweierlei Gründen interessant: Zum einen der Fund selbst, zum anderen die Lößschichten, welche hier mehrere Meter mächtig anstehen und über die Vorzeitlandschaft berichten.

Beim Löß handelt es sich um ein erdgeschichtlich sehr junges Sediment, das in den Eiszeiten durch Frostverwitterung entstand. Diese mechanische Verwitterungsart wirkte in den Aufschüttungsgebieten des Mains und produzierte ein staubähnliches Substrat. Der Wind konnte das Material aufnehmen und weit über die Landschaft verfrachten.

Da während der Eiszeiten immer wieder Löß produziert und verweht wurde, entstanden zum Teil mächtige Lößschichten. Man kann davon ausgehen, dass der Spessart wesentlich flächiger von Löß überlagert war als heute. In einigen Bereichen ist er bereits wieder abgetragen, so dass er heute eher eine fleckige Verbreitung besitzt. Zur Zeit der Lößentstehung war das Klima in Mitteleuropa von subpolaren Bedingungen geprägt. Bäume hatten aufgrund der zu kurzen Vegetationsperiode in den Kaltzeiten keine Chance. Lediglich einige Spezialisten konnten dem kalten Klima trotzen, ansonsten war der Boden steinig, karg und tiefgefroren.

Verbreitung von Lößsedimenten (hellbraun) im Spessart. Karte: Spessart-GIS

In diese Zeit der Kältewüsten gehört das Rentier, das hervorragend an die Bedingungen des Eiszeitalters angepasst war. Es diente über die Eiszeiten hinaus den Menschen als Nahrungsquelle. Rentiere waren bis in die späte Eisenzeit ein beliebtes Ziel der Jäger. Es wurden regelrechte Treibjagden veranstaltet und die großen Rentierherden in Engpässe getrieben, wo die Jäger mit ihren Speeren lauerten. Zugleich war das Rentier mehr oder weniger eine Art Halbhaustier, das sich in der Umgebung der Siedlungen aufhielt. Der Fund von Geweihsprossen eines Rentiers lässt die Eiszeiten im Spessart lebendig werden. Es gibt im Lößmaterial in Form von eingewehten und datierten Vulkanaschen Hinweise auf das Alter des gefundenen Rens. Demnach verendete das Alzenauer Rentier vor mehr als 20.000 Jahren. Seine Überreste wurden von jenem Löß überdeckt, der viel später die ersten Siedler aufgrund fruchtbarer Böden in den Spessart lockten sollte.

Die Thementafel aus der Ausstellung in Miltenberg von 2005