Neue Erkenntnisse zum mittelalterlichen Siedlungswesen im Vogelsberg

Die Lage der urkundlich erstmals 1289 erwähnten Wüstung Stubach ist durch die historischen Quellen seit langem bekannt. Die Möglichkeit zur archäologischen Untersuchung des Areals bot sich im Jahr 2015 durch die neu begonnene ackerbauliche Nutzung des Geländes. Der untersuchte Bereich liegt etwas nördlich des in den alten Flurkarten als Wüstung Stubach ausgewiesenen Areals in der Talsohle, so dass nach heutigem Stand der nördlichste Ausläufer der Siedlung erforscht werden konnte.

Während der zweitmonatigen Grabungskampagne wurden unter der Leitung des Archäologischen Spessartprojekts gemeinsam mit den ehrenamtlichen Helfern des Arbeitskreises Archäologie des Main-Kinzig-Kreises insgesamt 292 m² Fläche untersucht. Hierbei konnten entlang der durch die Flurbereinigung begradigten/verlegten Stubbach zwei Hausstellen nachgewiesen werden. Somit erstreckt sich die Siedlung, bzw. verschiedene Siedlungsteile wahrscheinlich auf einer Länge von zwei Kilometern.

Nach Ausweis der archäologischen Funde begann die Besiedlung innerhalb der untersuchten Fläche in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, was sich mit der historischen Überlieferung deckt. Von dieser ersten Siedlungsperiode konnten keine Bebauungsspuren nachgewiesen werden. Lediglich eine Brandschicht weist auf die vorhergehende Bebauung des Geländes hin. Vielmehr konnten hauptsächlich Aufplanierschichten nachgewiesen werden mit denen nach Osten hin abfallende Gelände nivelliert wurde. Hierbei wurde das natürliche Gelände um bis zu 40 cm erhöht. Innerhalb dieser Schicht konnten zahlreiche Fragmente von Kugeltöpfen und Tüllenkannen aufgedeckt werden. Außerdem konnten Gruben aufgedeckt werden, welche eine hellgraue, tonige Verfüllung aufweisen. Möglicherweise handelt es sich hierbei um Gruben zur Tonaufbereitung. Insgesamt sind die Befunde dieser Phase durch die jüngeren Befunde stark überlagert und in ihren Interpretationsmöglichkeiten stark eingeschränkt.

Die folgende Siedlungsphase ist durch die handwerkliche Nutzung geprägt. So konnten die durch jüngere Fundamente stark überprägten Reste eines Ofens dokumentiert werden. Die zahlreichen, auf der gesamten Grabungsfläche geborgenen Keramikfragmente dieser Periode weisen Fehlbrandmerkmale auf. Hierbei handelt es sich vielfach um in die Gefäßwandung eingebackene Lehmbröckchen, deutlich durch zu große Hitze angesinterte Scherben sowie auch durch die Hitze leicht eingesunkene Gefäße. Dies legt eine Keramikproduktion vor Ort nahe, auch wenn ein eindeutig als Abwurfgrube anzusprechender Befund nicht aufgedeckt wurde. Jedoch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass eine Aufplanierschicht sehr große Mengen Keramik enthielt. Es könnte sich in diesem Bereich um die Reste einer umgelagerten Töpfereiabwurfgrube handeln. Die außerordentlich starke Anhäufung von Fehlbränden spricht für eine Ansprache des Ofenbefundes als Töpferofen. Anhand der dieser Phase zuweisbaren Funde kann diese in die Zeit um 1350 datiert werden.

Die meisten Befunde konnten der Siedlungsphase kurz nach 1350 zugewiesen werden. Hierbei handelt es sich um zwei Hausstellen. Diese zeichnen sich durch eine Breite bis 160 cm aus und bestehen hauptsächlich aus faust- bis kopfgroßen Steinen und haben häufig zusätzlich zur Auflagerung der Schwellbalken noch die Funktion das Gelände zu nivellieren und die Störung durch die Befunde der Phase 2 auszugleichen. Großen Mengen an verziegeltem Lehm, welcher sich anhand der abgedrückten Formen, wie Ruten und abgeplattete Flächen, konnten eindeutig einer Fachwerkkonstruktion zuweisen. Die vereinzelt geborgenen Fragmente von Firstziegeln sprechen für eine organische Dachdeckung, wie Schilf oder Holzschindeln. Lediglich der Dachfirst wurde mit Dachziegeln bedeckt um diesen wasserdicht abzudecken. Eine weitere, aufgrund der begrenzten Untersuchungsfläche nur teilweise erfasste, Steinsetzung dürfte von einem Speichergebäude stammen. Besonders hervorzuheben sind die Befunde die auf eine Abgrenzung der Hausstellen hindeuten. Hierbei handelt es sich um ein Zaunfundament sowie eine Mauer welche eine Haustelle nach Osten zur Bachaue hin abtrennt.

Von der Aufgabe der Siedlung in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zeugen verschiedene Befundtypen: Zum einen handelt es sich um Ausgleichsschichten. Diese zeugen von der Planierung der Überreste der Siedlung vor der Weiternutzung als Ackerfläche. Zum anderen wurden zahlreiche Gruben dokumentiert, deren Anlage mit der Aufgabe in Zusammenhang mit der Aufgabe der Siedlung steht. Diese Gruben enthalten große Mengen an verziegelten Lehm, welcher eindeutig aus den Gefachungen von Fachwerkbauten stammt.

Als eindeutiges Zeugnis der Zerstörung der Siedlung wurde eine Brandschicht dokumentiert. Diese Schicht liefert ein Indiz für den Grund der Aufgabe der Siedlung. Zumindest im Bereich der erfassten Hausstelle ist die Aufgabe durch Verlassen unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte das dokumentierte Gebäude in einem Brandereignis zerstört worden sein. Von der Zerstörung zeugt auch eine Versturzschicht innerhalb des Hauses.

Mit archäologischen Methoden konnte nicht geklärt werden, ob es sich um einen Unfall oder ein gezieltes Niederbrennen der Siedlung handelt. Auch die historischen Quellen liefern keine Anhaltspunkte. So ergeben sich unter Anbetracht der historischen Umstände folgende Möglichkeiten für die Aufgabe der Siedlung in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts:

  • Zerstörung der Siedlung durch eine Brandkatastrophe (Unfall) und anschließendes Auflassen
  • Die Siedlung war von der Pest betroffen, und die Häuser der Opfer wurden um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern abgebrannt
  • Die Siedlung konnte im Zuge von Gebietsstreitigkeiten zwischen dem Reichskloster Fulda und den Regionalherren zerstört worden sein.

Das Auflassen der Siedlung könnte sich mit der Verschlechterung des Klimas im Zuge der kleinen Eiszeit begründen lassen. Andererseits könnte die Bevölkerung auch soweit dezimiert worden sein, dass die restlichen Bewohner des Dorfes in eine andere Siedlung umzogen, die mehr Schutz bot.

In der Folge wurde das Gelände über Jahrhunderte landwirtschaftlich genutzt, wobei die Nutzung für die Viehwirtschaft, welche sich für den größten Teil der letzten Jahrhunderte nachweisen lässt, einen Glücksfall für die Erhaltung der Befunde darstellt. Eine ackerbauliche Nutzung des Areals hätte zur vollständigen Zerstörung der Befunde geführt.

Durch die Grabungen konnte der Wirtschaftsweise der Siedlung auf den Grund gegangen werden. Zum einen dürften die vor Ort produzierten Keramiken zu gewissen Anteilen verhandelt worden sein. Weiterhin lässt die Masse an gefundenen Abrahmschüsseln auf eine ausgeprägte Milchwirtschaft schließen. Diese dürfte ebenfalls einen großen Anteil an verhandelbaren Gütern produziert haben. Die Untersuchungen der Wüstung bei Stubach haben somit gezeigt, dass Erforschung ländlicher Siedlungen häufiger Gegenstand der archäologischen Forschung sein sollte.


Stefanie Müller, Olbernhau, und Harald Rosmanitz, Partenstein, 2016