Das Zweiburgendorf Rottenberg

Die Grabungen auf dem Gräfenberg und auf dem Klosterberg

 Vortrag von Harald Rosmanitz, Archäologisches Spessartprojekt
am Mittwoch, den 29. April 2015, 20:00 Uhr in der Volkshochschule Marktheidenfeld (Altes Rathaus, Marktplatz 24, 97828 Marktheidenfeld)

Der 2013 aufgedeckte Bastionsturm in der Ringmauer der Burg auf dem KlosterbergIn den Jahren 2007 und 2013 konnten auf Initiative des Vereinsrings Rottenberg und des Arbeitskreises Klosterberg sowie mit Unterstützung durch den Markt Hösbach die beiden Rottenberger Burgen durch das Archäologische Spessartprojekt untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Arbeiten geben neue Einblicke in die hochmittelalterliche Geschichte der Gemeinde vor den Toren Aschaffenburgs. Im Konflikt der Grafen von Rieneck mit dem Landesherren, dem Erzbischof von Mainz entstand im weltlichen Spessart eine Burgenlandschaft, deren Spuren heutzutage nur noch mit Kennerblick in der Landschaft auszumachen ist.

Mit jedem Spatenstich zeigt sich, dass unser bisheriges Wissen über die Anlagen in wesentlichen Teilen ergänzt werden muss. Zahlreiche Fragmente von Koch- und Tafelgeschirr bestätigen eine intensive Nutzung der Burgen in der Mitte des 13. Jahrhunderts. Von den einst mächtigen Anlagen auf dem Gräfenberg und auf dem Klosterberg zeugen die um die einstigen Burgen gelegten, tiefen Gräben mit ihren vorgelagerten Wällen.

Als Besonderheit war der Klosterberg seit dem 19. Jahrhundert nicht nur Austragungsort zahlreicher Feste. Darüber hinaus versuchte so mancher sein archäologisches Können. Davon zeugen zahlreiche, wiederverfüllte Löcher. Die dicht an dicht liegenden, tiefen Mulden, welche der heutigen Oberfläche ein pockennarbiges Aussehen geben, sind jedoch älter. Funde von Hämatit und Limonit in den Schutthalden neben den Mulden legt die Vermutung nahe, dass die mittelalterliche Burg auf einem Eisenvorkommen lag, welches bald nach 1400 umfassend bergmännisch ausgebeutet wurde. Die Mulden wären dann sogenannte Pingen, Einstiegslöcher in vertikal in den Felsen getriebene Schächte, welche bis zu den erzführenden Schichten abgeteuft wurden. War das Erzlager um die Pinge herum erschöpft, wurde unmittelbar daneben der nächste Schacht in den Boden getrieben. Wie man sich diese zeitweise sehr intensiv betriebene Rohstoffausbeute genauer vorzustellen hat, schildert Georg Agricola in seinen 1556 erschienenen Schriften „De re metallica“ ausführlich. Bei den Grabungen zeigte sich, dass große Teile der Burganlage dem vermutlich spätmittelalterlichen Erzabbau zum Opfer gefallen sind.

Ein Rätsel auf dem Klosterberg konnte bereits entschlüsselt werden: Bei dem Mauerfundament im Süden des Befestigungshügels handelt es sich um kein originales Stück der einstigen Burg. Wahrscheinlich standen die ersten Erforscher der Anlage am Ende des 19. Jahrhunderts vor ähnlichen Herausforderungen wie die Archäologen von heute. Trotz intensiver Suche konnten keine originalen Mauern freigelegt werden. Daher scheint man sich dazu entschlossen zu haben, zur Erinnerung an die einstige Besiedelung ein Stück Fundament einfach zu erfinden, um damit den begreifbaren Nachweis für die einstige Befestigung zu liefern. Beim „Neubau“ des Mauerstücks vergaß man allerdings, vor deren Errichtung den Humus darunter abzutragen. Dieses Indiz gab für die Archäologen den entscheidenden Hinweis für die späte Errichtung des Baukörpers. Die Mauer auf dem Klosterberg ist damit ein frühes Zeugnis für die Inwertsetzung einer Spessartburg im Sinne einer touristischen Erschließung. Ähnliches kennen wir von der Ketzelburg, wo man in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Eisenschlüssel in mittelalterlicher Art anfertigte und diesen als vermeintlichen Burgschlüssel des bei Haibach gelegenen Niederadelssitz ausgab.

Anlässlich seines Lichtbildvortrags nach Abschluss der Aufarbeitung der archäologischen Grabungen und der Restaurierung der Funde trägt der Referent alle Fakten zusammen, die uns Informationen zum ursprünglichen Aussehen und zur Funktion dieser Anlagen liefern. Erst in einem übergeordneten, historischen Zusammenhang ist es möglich, zu verstehen, warum gerade Rottenberg für wenige Jahre im Brennpunkt eines Konfliktes stand, dessen Ausgang nach heutigem Ermessen von vornherein feststand.